Das Kratzen auf dem Blatt

Jancu Sinca: Das Kratzen auf dem Blatt
Gedichtauswahl/Leseprobe


 
Der Unbekannte
 

Alleine bin ich hier.
Und doch ist nebenan
nicht jemand außer mir,
der auch nicht schlafen kann?

Ich hör das Blättern von
den Seiten eines Buchs,
als ob wer lese, so
wie ich es jetzt versuch.

In meinem Herz gewinnt
der Unbekannte Raum.
Doch es ist nur der Wind,
das Blatt von einem Baum.
 
 
 

Späte Zeit
 

Dumpfes Hämmern,
späte Zeit.
Erste Bilder
an der Wand.

Lange Nägel.
Fenster bleich.
Beide Hände
rauh, verwaist.

Leises Dämmern,
keine Zeit.
Erste Blätter,
weiß, bereit.
 
 
 

Das Kratzen auf dem Blatt
 

Am Schreibtisch sitzt er immer noch,
den Stift in seiner rechten Hand.
Nicht ein Geräusch, das ihn erregt,
sein Rücken krumm und unbewegt.

Du fragst dich selbst, wie lange noch
wird er in dieser Haltung bleiben,
wieviel an Zeit wird noch vergehn,
eh du von ihm ein Wort erfährst.

Du hörst das Kratzen auf dem Blatt
und fragst ihn selbst, woran er schreibt.
Doch er dreht sich nicht um, bleibt stumm.
Nur dieses Kratzen setzt sich fort.
 
 
 

Zu zweit
 

Wer wünscht sich
nicht zu zweit
zukünftig
noch mehr Zeit,

um Wange
nur an Wange
nichts andres
anzufangen,

als lange
zu erzählen,
wie lange
sie noch leben,

wie beide
sich verlieben
auf Seite
hundertsieben.

© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de