Einen Sommer noch

Irmgard Gast
Gedichtauswahl/Leseprobe


Lass deine Gedanken hören

gib ihnen Klang
gib ihnen Rhythmus
du kannst sie singen
kannst sie trommeln
du allein
bringst sie zum Leben
oder lass sie schlummern
findet sie jemand
sind sie nicht mehr

November – Nachmittag halbsechs
 
Kennen Sie
die Stille des Alters
das Schweigen
keiner da?
Das Telefon läutet.
Falsch verbunden.
Könnten Sie das
mal wieder tun?

Sonntag
 


Ruhe bis dort hinaus
Straße leer kein Auto keine Kinder
Wand leer nicht die kleinste Fliege
Klatsche nutzlos in der Hand
außer Zeit nichts zum Totschlagen
endlich ha !
ein Geräusch
ein Ball immer wieder
zu Boden gestoßen
nähert sich
Mordlust kommt hoch

– Ruuuhää !

Einer Geschichte im Halbtraum hinterher gedacht
 

Zeter und Mordio
das Fräulein verschwunden
der Major tot
wo ist der Bildhauer

gestern sah man ihn
mit dem Gärtner zusammen
sie standen beim Bild
vom Ende der Welt
dann ging er weiter
durch den Regenbogen
für die Reise angezogen
kein Blick zurück

neue Spuren
führen nach Süden
begleitet hat ihn
der Duft später Rosen
müde am Wegrand
aber Letizia

du wirst sie wiederfinden
wenn die Kastanienbäume blühen
Letizia
ein Stöhnen tief aus dem Herzen
drei Kastanien
mitgenommen vom Schwetzinger Garten
fallen erschreckt aus seiner Hand
rollen den Hügel hinab
in die Ergebenheit
was haben sie gesehen
wer wird sie aufheben

er
sank nieder
träumte in die Nacht
ein Märchen
berührt sanft seine Stirn
ein Rosenblatt
bist du es Letizia
 

© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de