Nebelkopfhütte

Nebelkopfhütte
Leseprobe

Zum Inhalt
Sechs ehemalige Schulfreunde sind auf einer einsamen Berghütte verabredet. Ihre frühere Anführerin hat alle zu einem verlängerten Wochenende in der freien Natur eingeladen. Doch Siggi, Edi, Isabell und Nico warten vergeblich auf Katharina. Und dann schafft es auch Jasmin nicht rechtzeitig zum Treffpunkt zu kommen. Der Rest der Gruppe macht sich auf den langen Aufstieg. Die Hütte entpuppt sich als winzig und unkomfortabel, unglaublich, dass Katharina, als neureiche Tochter, die Freunde auf diese Weise einquartiert. Obwohl sie nicht da ist, haben alle das Gefühl, dass sie weiterhin die Fäden zieht.

Dunkle Erinnerungen kommen auf. Die anstrengenden Wanderungen, die sich Niko ausdenkt, tragen nicht gerade zur Erheiterung der Gruppe bei. Unausgesprochene Fragen kreisen in den Köpfen: Was war damals zwischen Niko und Siggi? Und was zwischen Katharina und Edi? Wird die Container-Situation in den Bergen die Karten neu mischen. Dann schlägt auch noch das schöne Wetter um. Das Wochenende wird zu einem alpinen Psychopanorama. Und nicht nur das. Es entwickeln sich lebensbedrohliche Situationen. Steckt hinter allem ein heimtückischer Plan?

 
Leseprobe 1

Treffpunkt: Goldener Ochse


 

Niko kommt eine Dreiviertelstunde zu früh auf dem Parkplatz des Goldenen Ochsen an. Natürlich ist er der Erste. Etwas anderes hat er nicht erwartet. Es wird noch dauern, bis die anderen eintreffen. Der Verkehr ist, wie üblich vor langen Wochenenden, unerträglich dicht gewesen. Wäre Niko nicht schon in den frühen Morgenstunden losgefahren, hätte er es nicht so zeitig geschafft.

Von der Autobahnabfahrt über Niederschlegen, dem Ort am Taleingang, bis zum kleinen Weiler Oberschlegen, durch den Niko gerade gefahren ist, ist die Straße immer schmaler geworden. Der Goldene Ochse ist das letzte Haus. Hinter dem
Parkplatz der Gastwirtschaft endet die Teerdecke, und es beginnt ein erdiger Waldweg, der mit einer Schranke abgegrenzt ist. Das Talende ist nicht mehr weit, die Berge sind zum Greifen nah. Niko nimmt dieWanderkarte, die neben ihm auf dem Sitz liegt, steigt aus dem Auto und faltet sie auf der Motorhaube auseinander. Es dauert nicht lange, und er hat die ringsum stehenden Berge identifiziert.

Er beschließt, schon einmal den Schlüssel für die Hütte im Goldenen Ochsen abzuholen. Vielleicht gibt es auch noch ein paar Tipps vom Wirt, welche Wanderungen sich besonders lohnen. Er geht zum Eingang, drückt die schwere Tür auf und geht durch den Flur bis in die Gaststube. Es ist ein großer, fast saalartiger Raum mit zahlreichen Tischen und einem massigen Tresen. Boden, Wände, Decke und auch dasMobiliar sind aus dunkel lackiertem Holz, das an vielen Stellen abgewetzt ist und ein etwas helleres Braun durchschimmern lässt. Durch die kleinen, gardinenverhängten Fenster fällt nur spärliches Licht. Nikos Augen brauchen eine Weile, um sich daran zu gewöhnen. Ein unbestimmter Geruch nach fettem Essen und abgestandener Luft dringt in seine Nase. Im Hintergrund läuft leise ein Radio. Niko vermutet, dass der Goldene Ochse schon bessere Zeiten erlebt hat.

Zwei Männer um die sechzig befinden sich im Raum, der ansonsten leer ist. Einer sitzt an einem Tisch, ein Glas mit schalem Bier vor sich, der zweite mit fleckiger Schürze steht daneben und unterhält sich mit ihm. Niko fragt denMann mit der Schürze, ob er der Wirt sei. »Ja, das bin ich«, sagt der in breitem Dialekt.
»Ich möchte den Schlüssel für die Nebelkopfhütte abholen «, sagt Niko, »Sie wissen sicher Bescheid.«
»Einen Moment«, sagt der Wirt und brüllt nach hinten in den Raum: »Maria!«
»Der Weg zur Hütte ist nicht einfach zu finden«, wendet er sich wieder an Niko, »es gibt keine Markierungen.«
»Das habe ich schon gehört«, sagt Niko.
»Sie können die Steigspuren leicht verfehlen und sich verlaufen. Das ist nicht ungefährlich. Es gibt überall Steilabstürze. Wenn Sie nicht aufpassen, dann ...«
»Ich habe ausreichend Bergerfahrung«, unterbricht Niko.
»Es wäre doch besser, Sie nehmen jemanden mit, der Sie führt. Hier zum Beispiel, den Schorsch.« Der Wirt deutet auf den einsamen Gast, der keine Miene verzieht, und brüllt ein weiteres Mal nach hinten: »Maria! Den Hüttenschlüssel!«
»Vielen Dank, aber wir haben eine Ortskundige in der Gruppe«, sagt Niko und nennt Katharinas Namen.
»Die Kathi«, ruft der Wirt erfreut, »die kommt also auch! Ich dachte, sie hätte nur für euch reserviert. Ja, die Kathi kennt sich aus hier. Die ist schon früher oft mit ihren Eltern hier gewesen. Ein prächtiges Mädel, schon als Kind. Eine ganz
Aufgeweckte, ganz Hübsche. Wartet sie draußen? Warum ist sie nicht mit Ihnen hereingekommen?«
Niko runzelt die Stirn, er teilt die Begeisterung des Wirtes für Katharina nicht, obwohl er zugeben muss, dass sie gut aussieht, intelligent und selbstbewusst ist. Bei einem Mann hätte er das attraktiv gefunden. Als Frau war und ist sie eine Konkurrentin für ihn.

 

 

Leseprobe 2

In der Hütte: Kochen am ersten Abend


Was für eine furchtbare Küche, denkt Isabell enttäuscht. Irgendetwas riecht streng und muffig, nach Keller. Sie reibt sich frierend die Oberarme. Sie kann kaum glauben, dass die Hütte wirklich Katharina gehören soll. Zu Katharina hätte eher eine geräumige Wellness-Hütte gepasst. Isabells Blick wandert forschend durch eines der beiden Regale mit Haushaltsgegenständen. Ein Stövchen, handgestrickte Eierwärmer und einige Glaskrüge. Hier hat jemand Ausrangiertes deponiert. Becher, Schnapsgläser, Teller, zu viele Löffel und zu wenig Gabeln und Messer, das sieht nach häufigem Geschirrspülen aus. Allerdings fehlt dafür ein Waschbecken. Nach längerem Suchen findet Isabell eine alte Zinkwanne. Jetzt wird ihr klar, wo der muffige Geruch herkommt. Sie entsorgt mit spitzen Fingern ein paar alte Lappen nach draußen. Als sie zurückkommt, sitzen Siggi und Edi auf den Bänken. Niko hantiert mit souveränem Gleichmut an der Feuerstelle. Gelegentlich fallen einige Aschereste auf den Boden.
»Niko«, beginnt sie zaghaft.
»Was?« »Ich will dich ungern unterbrechen, aber wir haben kein Wasser!«
Niko dreht sich mit einem süffisanten Grinsen zu ihr um.
»Doch, doch, Wasser gibt es hier schon. Katharina hat es mir erklärt. Draußen gibt es einen Wasserlauf, wenn du raus gehst, gleich links.«
Isabell beginnt zu verstehen. »Du meinst hoffentlich nicht diese Kuhtränke mit dem verrosteten Rohr darüber?«
»Bei mir ist das einWasserlauf! Das beste Bergquellwasser, das du je getrunken hast«, erwidert Niko. Isabell ärgert sich über Nikos Unwissenheit. Sie kann kaum glauben, dass sie und Niko in der gleichen Schule gewesen sind.
»Aus dem alten Rohr kommen bestimmt giftige Metalle, so wie das aussieht.  Außerdem ist das Ding mit schwarzen Spinnweben voll.«
»Machst du Witze? Hier ist alles mit Spinnweben voll. Warte mal, bis morgen Tageslicht ist!« Niko wendet sich wieder seinem Ofen zu.
Isabell schreit auf: »Also, ganz ehrlich, das müssen wir aber noch ändern, sonst kann ich hier nicht schlafen.«
Edi tritt auf sie zu: »Er will dich doch nur ärgern, merkst du das nicht? Ich mache das mit demWasser. Siggi kann ja schon mal den Tisch decken. Was gibt es eigentlich zu essen?«
»Erbswurst«, sagt Niko.
»Erbswurst?« Isabell ist entsetzt, »Erbswurst, ist das nicht irgend so ein dehydriertes Zeug aus dem Supermarkt?«
Niko fuchtelt mit dem Schürhaken im Feuer. Er dreht sich genervt zu Isabell um. »Erbswurst gibt es schon seit hundert Jahren, es ist noch niemand daran gestorben. Man kocht es mit Wasser auf und fertig ist die Sache. So ist das in einer Hütte. Haute cuisine kannst du hier leider nicht erwarten. Ich habe reichlich Brot und Käse mitgenommen, Katharina wird auch noch ein paar Lebensmittel mitbringen. Bis dahin gibt es Erbswurst und basta.«

 

Leseprobe 3

Edi will weg

 

Ein grollendes Rumpeln lässt Eduard hochblicken. Die Wolkendecke hat sich in ein sehr dunkles Grau verwandelt. Eine diffuse Dämmerung liegt  über der Landschaft. Erste Tropfen fallen, Wetterleuchten erhellt die finstere Himmelskulisse. Eduard bleibt stehen und sieht sich um. Durch den dünnen Baumbewuchs kann er in das Tal blicken, aus dem sie am Freitag gekommen sind. Er sieht ein bekanntes Muster: einen Waldrand und in einem gewissen Abstand davon ein Gebäude mit einem Parkplatz, jetzt stehen drei Autos darauf, eines davon ist sein eigenes, sein vorläufiges Ziel. Eduard erinnert sich an dieses Bild. Beim Aufstieg waren sie hier irgendwo über einen Pfad auf den Weg gestoßen, auf dem er gerade steht. Da der Ausblick genauso war wie jetzt, kann die Stelle nichtweit sein. Jetzt wäre er beinahe zu weit geradeaus gegangen und hätte sich doch noch verlaufen. Er geht langsam weiter und sucht die Abzweigung.Die Zahl der Tropfen nimmt zu, in immer dichterer Folge klatschen sie auf die Landschaft ringsumher, auf den Weg und auf Eduard. Da sieht er die Gabelung. Er nimmt den linken Weg, der etwas unebener ist als der Weg vorher, aber das ist wie beim Aufstieg, nur umgekehrt. Der lichte Wald geht in Gestrüppinseln über, zwischen denen sich der Pfad hindurch windet, das Gefälle nimmt stetig zu. Eduard bewegt sich durch das dichte Rauschen, das ihn umgibt und immer noch lauter wird. Ein starker Windstoß treibt ihm einen Schwall harte Tropfen ins Gesicht, raubt ihm einen Moment die Sicht, ein weißer Knall erfüllt die Luft, vorwärts, nur weg, Eduard verliert den Boden unter den Füßen und rutscht halb auf der Seite liegend abwärts, unaufhaltsam. Er weiß, hier ist er so falsch wie noch nie in seinem Leben. Er versucht, sich an den kurzen Halmen festzuhalten, seine Finger in das nasse Gras zu krallen, aber nichts hilft, alles glitscht weg, der schwere Rucksack trägt das Seine dazu bei. Der sichtbare Hang ist ein großer Abwärtsbogen, der am Ende zur Senkrechten strebt. Eduard treibt auf einGestrüpp zu, sieht die letzte Chance. Eine Bodenwelle verändert seine Richtung, er streift das Gestrüpp nur, verlangsamt aber doch und bekommt beim Vorbeischlittern etwas Kratzendes zu fassen. Er hält sich mit beiden Händen daran fest, die Abwärtsbewegung kommt zu einem Stillstand. Eduard hängt am Busch in steiler Schräglage, das Gesicht auf das nasse Gras gedrückt, unter sich irgendein Nichts. Drei Elemente toben sich aus, nasskaltes Prasseln, Sturmgezaus und krachende Blitze. Eduard schmiegt sich an die Erde. Er spürt, dass er sich hier nicht mehr lange halten kann, durch die Kälte werden seine Finger allmählich gefühllos. Er muss den Rucksack loswerden, der an ihm zerrt. Um den Bauchgurt zu öffnen, sind zwei Hände notwendig. Eduard gelingt es mit der rechten Hand durch ein Wechselspiel aus Ziehen und Drücken, den Bauchgurt zu lösen. Dann winkelt er den rechten Arm an und zieht ihn unter dem Schultergurt hindurch. Um noch die linke Schulter zu befreien, sucht er sich am Busch mit der rechten Hand einen neuen Halt und lässt danach die linke los. Dabei bricht das überforderte Pflanzenstück ab, an dem er hängt. Auf der steilen Schräge beginnt er sofort wieder zu rutschen. Der Rucksack zieht ihn in die Tiefe. Er strampelt mit den Beinen, um sich Auftrieb zu verschaffen, erreicht aber nichts, seine letzten Griffe nach dem rettenden Busch gehen hektisch ins Leere. Eduard schreit. Er fällt.

© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de