Böse Folgen

Nils Ehlert: Böse Folgen
Leseprobe
 
 
Autodafé
 

»Sie haben – was?«, fragte Egbert. Er war sich unsicher, ob er richtig gehört hatte.
»Ein Autodafé.« Der Antiquitätenhändler schenkte ihm ein Verkäuferlächeln. »Möchten Sie es sehen?«
»Gern. Sehr gern sogar, wenn Sie es mir zeigen wollen.« Egbert spürte eine wohlige Nervosität und nestelte an seiner Brille mit den dicken Gläsern.
»Kommen Sie«, sagte der Antiquitätenhändler.

Er strebte quer durch seinen Laden, und Egbert folgte ihm. Das Geschäft war so vollgestellt, dass ihm die Ausmaße erst jetzt auffielen, als er durch die vielen Möbel, Skulpturen und Bilder hindurchging. Er hätte sich gern genauer umgesehen, doch der Antiquitätenhändler huschte so flink voraus, dass Egbert Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten. Je tiefer sie in den Laden vordrangen, desto spärlicher wurde das Tageslicht von den Schaufenstern. Egbert kniff die Augen zusammen, um den Antiquitätenhändler nicht zu verlieren, und stieß sich dabei einige Male an hervorstehenden Gegenständen. Einmal verlor er beim Stolpern fast seine Brille und fluchte leise.

Eigentlich hatte er nur ein wenig stöbern wollen. Die besten Funde hatte er stets in Läden wie diesem gemacht. In den Geschäften, in denen makellos herausgeputzte Stücke vereinzelt unter goldgelbem Lampenlicht standen und mit Echtheitszertifikat auf Büttenpapier versehen waren, gab es keine Überraschungen, und alles war viel zu teuer. Wie anders waren die Geschäfte, die eher einer Rumpelkammer glichen, sie enthielten neben viel Plunder oft auch versteckte Schätze. Der Antiquitätenhändler hatte Egbert zuerst mit ein paar langweiligen Konkubinenstichen des 17. und 18. Jahrhunderts abspeisen wollen, doch Egbert hatte gespürt, dass in diesem Laden etwas Großes und Einmaliges auf ihn wartete. Er hatte dem Antiquitätenhändler mit erhobenen Augenbrauen klar gemacht, dass er zwar Laie und privater Sammler war, aber kein Anfänger und auf der Suche nach dem Besonderen. Das hatte gewirkt, und jetzt würde er gleich vor seinem ersten Autodafé stehen. Er hatte über Autodafés schon einiges in der Fachliteratur gelesen, aber noch nie eines wirklich gesehen. Er wusste nur vom Hörensagen, dass sie überhaupt gehandelt wurden, so selten und kostbar waren sie.

Er hatte den Antiquitätenhändler eingeholt, der an einer niedrigen Holztür auf ihn wartete.
»Ist es denn in gutem Zustand?«, fragte Egbert etwas außer Atem.
»Im besten«, sagte der Antiquitätenhändler, »es wurde kürzlich erst restauriert.«
»Und von welchem Künstler stammt es?«, bemühte Egbert sich, Kennerschaft vorzutäuschen.
»Von Jacques Naber, dem belgischen Meister. Der ist Ihnen sicher ein Begriff.«

Egbert nickte verständig. Er hatte nie von ihm gehört, doch das brauchte der Händler nicht zu wissen.

Der Antiquitätenhändler öffnete die Tür, sie traten hindurch, und da lag es unmittelbar vor ihnen ausgebreitet: Ein mittelalterlicher Marktplatz im hellen Mittagslicht, darauf zwei Scheiterhaufen, eine ausgelassene, lärmende Menschenmenge rundherum, ein Scharfrichter und die Delinquenten, die gefesselt und mit gesenkten Köpfen in die Mitte geführt wurden.

»Kein schlechtes Stück«, sagte Egbert vorsichtig.
»Nicht wahr?«, antwortete der Antiquitätenhändler stolz.
»Woher stammt es?«
»Aus der Gegend von Nürnberg, Mitte des 16. Jahrhunderts.«
»Der Marktplatz sieht eher ländlich aus. Es ist keine bloße Hexenverbrennung, hoffe ich?«

Egbert hatte gelesen, dass unter den erhaltenen Autodafés die Hexenverbrennungen auf dem Lande die häufigsten waren und unter Kennern nicht soviel galten wie andere Stücke. Ihm war auch eine einfache Hexenverbrennung recht, aber er wollte bei dem Antiquitätenhändler Eindruck schinden.

»Wo denken Sie hin?«, empörte sich der Händler. »Solch gewöhnliche Ware würde ich Ihnen nicht anbieten. Sie haben es hier mit einem erstklassigen Fall von Ketzerei zu tun.«
»Ich würde mich gern selbst davon überzeugen. Ich sehe nicht gut, wissen Sie, und wenn ich etwas dichter herankommen könnte, wäre mir das angenehm.«

Egbert ruckte demonstrativ an seiner Brille. Er war zwar nicht kurzsichtig, sondern extrem weitsichtig wie man an seinen riesig vergrößerten Augen hinter den Brillengläsern erkennen konnte, aber dem Händler würde es kaum auffallen. Wichtig war es, jetzt nicht locker zu lassen, dafür war eine kleine Notlüge zu entschuldigen.

Der Antiquitätenhändler zögerte nicht, sondern drängte sich ungeniert durch die Traube der Menschen, die ihm unflätige Ausdrücke hinterherwarfen. Egbert bemühte sich, dicht hinter ihm zu bleiben. Der Geruch der Leute, die zum großen Teil in ärmlicher Bauerntracht gekleidet waren, raubte ihm den Atem.

Der Händler wechselte erst ein paar Worte mit dem Scharfrichter, dann stellte er Egbert die Delinquenten vor. Egbert erkundigte sie nach ihren Vergehen, und sie antworteten bereitwillig, wobei es ihmschwer fiel, ihrer altertümlichen Ausdrucksweise zu folgen. Neben dem Ketzer, einem großen hageren Mann mit scharfen Gesichtszügen, der bemüht war, keine Gefühle nach außen dringen zu lassen, waren auch zwei Hexen angeklagt, junge frische Geschöpfe, Zwillinge offensichtlich, denen die Angst deutlich anzumerken war. Sie waren einem Denunzianten zum Opfer gefallen, vermutete Egbert. Vielleicht war eine Nachbarin neidisch auf ihre jugendliche Schönheit, oder ein abgewiesener Liebhaber wollte sich rächen. Möglicherweise war es auch der Aberglaube, der das Außergewöhnliche, wie hier die perfekte Ähnlichkeit zweier Menschen, als unnatürlich verdammte. Der Ketzer, der den eigentlichen Wert des Autodafés ausmachte, interessierte Egbert nicht halb so viel wie die beiden Schwestern. Er hätte gern mehr Zeit mit ihnen verbracht, aber der Händler sah ihn erwartungsvoll und ungeduldig an.

»Das ist alles sehr schön und geschmackvoll«, sagte Egbert zurückhaltend.
»Dann möchten Sie es kaufen?«, fragte er.
»Eventuell. Ich habe ja noch nicht das ganze Stück gesehen. Man kennt ja verschiedene Fälle, in denen dann doch etwas dazwischen kommt – es fängt an zu regnen oder der Scharfrichter erleidet einen Herzinfarkt.«
»Ich kann mich nur wiederholen, das hier ist keine minderwertige Ware, sondern ein auserlesenes Werk.«

Egbert war sich sicher, dass das angebotene Autodafé ein Vermögen kostete. Er wusste, wie teuer die wenigen erhaltenen Stücke gehandelt wurden, und dieses war besonders wertvoll, wie der Antiquitätenhändler ständig betonte. Egbert hatte genug Geld, das war nicht das Problem, doch er war nicht bereit, so viel auf einen Schlag auszugeben. Trotzdem wollte er sich nicht sofort wieder von dem Autodafé trennen. Die Gelegenheit war einmalig, seine Neugier war zu groß. Wie würde es sein, längere Zeit hier zu verbringen? Was würde passieren?

»Wären Sie bereit, es mir für ein paar Tage zur unverbindlichen Ansicht zu überlassen? Gegen entsprechende Sicherheiten selbstverständlich«, fragte er.
Der Händler zögerte. Egbert sah ihm an, dass er ablehnen wollte. Er musste eine andere Strategie versuchen.
»Sagen Sie«, bohrte er nach, »haben Sie eigentlich die Ladentür abgeschlossen, als wir nach hinten gegangen sind? Es könnten sonst ungebetene Gäste hereinkommen, nicht wahr?«
Die Mundwinkel des Händlers fielen schlagartig. Egbert hatte ins Schwarze getroffen.
»Sie haben recht«, antwortete der Händler hastig, »ich müsste längst zurück im Geschäft sein, die werte Kundschaft, nicht wahr? Möchten Sie noch etwas bleiben? Wir können uns später noch darüber einigen, wie wir am besten weiter verfahren. Nehmen Sie sich ruhig Zeit, und sehen Sie sich alles genau an.«
Noch während er sprach, kehrte er sich ab und grub sich seinen Weg zurück durch die Menge. Egbert hatte es geschafft. Er war allein mit dem Autodafé.
 

Karla stand im Antiquitätengeschäft und blickte hilflos um sich.

»Hallo?«, rief sie mit dünner Stimme, »ist da jemand?«

Sie wäre am liebsten gleich wieder umgekehrt, denn sie konnte diese Orte nicht leiden. Alles, was darin stand, war teuer, unpraktisch, und für einen modernen Geschmack mit zu vielen Schnörkeln ausgestattet. Außerdem fühlte sie sich überfordert, etwas kaufen zu müssen, von dem sie keine Ahnung hatte und auch keine haben wollte. Dieser grässliche alte Plunder! Zu Hause stand schon alles voll damit, und ausgerechnet sie musste noch ein weiteres Stück anschaffen.

Dieses Geschäft wirkte besonders bedrückend auf sie, es war spärlich beleuchtet und verlor sich nach hinten in der Finsternis. Allein inmitten der Altertümer kam es ihr so vor, als sähen die ausgestellten Porträts besonders streng auf sie herab. Sie nahm aus dem Augenwinkel eine Bewegung war und fuhr herum. Es war bloß ein Spiegel, ein mächtiges Monstrum, dass tief im Laden stehend schwach ihr Bild zurückwarf.

Sie wollte schon wieder hinausgehen, als der Antiquitätenhändler aus dem Labyrinth der Waren auf sie zugetrippelt kam: »Guten Tag, verzeihen Sie, Sie mussten hoffentlich nicht zu lange warten, ich bin untröstlich, womit kann ich Ihnen dienen?«

»Ich suche ein Geschenk für meinen Mann«, sagte Karla, »er hat demnächst einen runden Geburtstag, und er sammelt Antiquitäten.« Kaum hatte sie es ausgesprochen, kam sie sich dumm vor und fürchtete, der Antiquitätenhändler würde das auch denken. Natürlich sammelte ihr Mann Antiquitäten – wäre sie sonst hier?

Der Antiquitätenhändler schien sich nicht daran zu stören und fragte:
»Gibt es einen bestimmten Stil oder ein Sujet, das er bevorzugt?«
»Ich muss zugeben, ich verstehe nicht viel davon, aber hätten Sie etwas möglichst Grausames?«
»Wieso das?«, wunderte sich der Händler.
»Mein Mann mag vor allem Kreuzigungsszenen, Entführungen, Schlachten und solche fürchterlichen Dinge. Ich finde es widerlich, aber ihm gefällt es.«
»Umso mehr bewundere ich, dass Sie zu dem festlichen Anlass bereit sind, Ihrem Mann eine Freude zu machen«, schmeichelte der Händler, »es gibt nicht viele Leute, die bei der Auswahl eines Geschenks ihren eigenen Geschmack zurückstellen. An welchen preislichen Rahmen hatten Sie gedacht?«
»Das ist nicht wichtig«, sagte Karla, »wenn Sie ein gutes Stück haben.«

Der Antiquitätenhändler lächelte eifrig: »Ich glaube, ich habe genau das Richtige für Sie. Allerdings habe ich einen anderen Kunden, der ebenfalls Interesse daran hat. Ein sehr ernsthaftes Interesse, wie ich sagen muss. Sie verstehen, dass ich hier dem höheren Gebot den Zuschlag –«

»Dürfte ich es mir zuerst einmal ansehen? Worum handelt es sich überhaupt?«, unterbrach ihn Karla. Es kam ihr tatsächlich nicht aufs Geld an, aber diese offensichtliche Preistreiberei war abstoßend.

»Ach, wie konnte ich habe ich doch vergessen, Ihnen zu sagen – bitte vielmals um Entschuldigung – im Eifer des Geschäfts sozusagen«, überschlug sich der Händler in Zerknirschung, »es ist wirklich ein außerordentliches und seltenes Stück: ein Autodafé. Ich schließe nur kurz die Ladentür ab, dann zeige ich es Ihnen.«

Karla hatte keine Ahnung, was ein Autodafé war, und sagte einfach nur »Ja«.
»Sie wissen, was ein Autodafé ist?«
»So ganz genau nicht.«
»Autodafé ist portugiesisch und leitet sich ab vom lateinischen actus fidei, Akt des Glaubens«, dozierte der Kunsthändler, »das ist die Verbrennung von Verurteilten durch die Heilige Inquisition.«
»Ach so«, sagte Karla, »na dann.«

Es interessierte sie nicht, was ein Autodafé war, sie wollte die Sache schnell hinter sich bringen. Wenn der Preis nicht zu horrend war, würde sie es kaufen und hoffen, dass es das passende Geschenk für ihren Mann war. Vielleicht könnte er es notfalls umtauschen? Sie nahm sich vor, später den Antiquitätenhändler zu fragen, der vor ihr den verwinkelten Weg durch den Laden bis zu der niedrigen Holztür eilte. Bevor er die Tür öffnete, warnte er:

»Ein Autodafé ist nichts für zartbesaitete Gemüter. Sie haben mein volles Verständnis, wenn Sie die Besichtigung abbrechen wollen. Bitte geben Sie mir ein Zeichen, dann führe ich Sie sofort wieder hinaus.«
»Öffnen Sie nur«, sagte Karla, »ich komme schon zurecht.« Heimlich biss sie die Zähne zusammen.

Der Antiquitätenhändler ließ sie hineinschlüpfen und folgte dicht hinter ihr. Karla war beeindruckt von dem Marktplatz und den malerischen Fassaden der Fachwerkhäuser, aber die vielen Menschen ängstigten sie. Die Leute rundherum wirkten aufgebracht und wütend, es herrschte ein ungeheurer Lärm und Gestank.

»Was ist denn hier los?«, fragte sie den Antiquitätenhändler. Sie musste die Frage laut wiederholen, weil er sie nicht verstand.
»Das ist die normale Stimmung vor der Hinrichtung«, brüllte der Antiquitätenhändler, »eine Art Volksfest.« Er blickte suchend um sich. Irgendetwas schien ihm nicht recht zu sein, aber Karla konnte seinen Ausdruck nicht deuten.
»Die Verurteilten müssen erst noch aus dem Kerker geholt werden«, behauptete er schließlich, »deswegen ist die Menge so aufgeregt. Das hat nichts zu bedeuten.«

Sehr überzeugend war das nicht. Ein Volksfest hatte sich Karla fröhlicher vorgestellt. Anderseits konnte sie sich nicht in Menschen hineinversetzen, die sich zum Vergnügen eine Hinrichtung anschauten. Wie grob und abgestumpft musste man sein, um so etwas Fürchterliches –

»Egbert?«

War das möglich? Auf der anderen Seite des Marktplatzes meinte Karla, kurz ihren Mann gesehen zu haben, aber gleich nahm ihr die Menge wieder die Sicht. Die wütenden Rufe verwandelten sich in ein freudiges Johlen. Jetzt sah Karla die Delinquenten, die mit gefesselten Händen zu den Scheiterhaufen in der Mitte des Platzes geführt wurden, zwei junge Frauen und zwei Männer in braunen Kutten. Sie schienen ihr Schicksal hinzunehmen, nur einer der beiden Männer wehrte sich, strampelte, schrie und versuchte, sich zu befreien.

»Egbert!«

Kein Zweifel, er war es, obwohl er in der groben Kutte seltsam fremd wirkte. Karla rief und winkte. Es hatte keinen Sinn, sie war wegen des Krachs nicht zu hören und durch die Menge kaum zu sehen.

»Sie kennen den Herrn?«, fragte der Händler verblüfft.
»Natürlich, das ist mein Mann«, fuhr sie ihn an, »was bedeutet das? Wie kommt er hier her? Was passiert mit ihm?«
Der Händler war bleich geworden: »Ich habe ihm das Autodafé gezeigt. Er wollte es kaufen. Ich hätte ihn nicht allein lassen dürfen. Ich hätte es bemerken müssen.«

Karla versuchte, sich durch die Menge zu ihm zu drängen, doch es war kein Durchkommen möglich. Sie wurde von den Leuten zurückgehalten und böse angefunkelt, weil man meinte, sie wolle sich einen besseren Sichtplatz verschaffen.

Karla packte den Antiquitätenhändler bei den Schultern: »Tun Sie doch etwas! Holen Sie ihn raus hier!«

Er versuchte ebenfalls, durch die Menge zu den Verurteilten zu kommen. Anders als beim Mal davor mit Egbert gelang es ihm jetzt ebenso wenig wie Karla.
»Er muss in das Autodafé eingegriffen haben«, sagte er schnaufend zu ihr, »anders kann ich mir das nicht erklären.«
»Wie meinen Sie das, er hat eingegriffen? Warum stoppen Sie diesen Wahnsinn nicht?«
»Ich kann nicht. Wie soll ich denn? Man lässt uns nicht durch. Sie haben es selbst gesehen.«

Die Delinquenten wurden an die Pfähle gefesselt, die aus den Scheiterhaufen herausragten. Der Scharfrichter begann, die Vergehen aufzuzählen, die den Verurteilten vorgeworfen wurden, und die Menge wurde still, um zuzuhören. Es wäre eine Gelegenheit für Karla gewesen, sich bemerkbar zu machen, aber sie wagte es nicht. Sie fürchtete, die Menschen vor ihr würden sie gleich wieder zum Schweigen bringen.

«Was sagt er?«, raunte sie dem Antiquitätenhändler zu, denn sie konnte den Scharfrichter kaum verstehen.
»Er sagt, dass der Mann ein Ketzer ist, weil er die Unfehlbarkeit des Papstes geleugnet hat«, flüsterte der Händler, »die Frauen sind der Hexerei schuldig, weil sie wundertätige Salben verkauft haben. Und Ihr Mann hat –«

Er zögerte einen Moment und Karla zischte: »Was? Was wirft man ihm vor?«

»Er soll versucht haben, sich den beiden Hexen, ich meine, den beiden jungen Damen zu nähern. Etwas mehr als die gute Sitte es gestattet, wenn Sie verstehen, und das direkt vor der Verurteilung. Das bedeutet kurzen Prozess.«
»Er hat die Hexen – hier mitten auf dem Platz? Das kann doch nicht sein!« empörte sich Karla.

Der Händler sprach einen Mann aus der Menge an und fragte, wie es zu dem Vorfall zwischen den Hexen und dem letzten Verurteilten gekommen war. Der Mann antwortete umständlich, dann wandte sich der Händler wieder an Karla: »Ihr Mann soll tatsächlich die Frauen hier vor aller Augen – wie soll ich sagen – sexuell belästigt haben. Wahrscheinlich dachte er, es ist nur ein Kunstwerk und ihm kann nichts geschehen.«

Karla schüttelte den Kopf. »Zuzutrauen ist es ihm«, murmelte sie, »was passiert jetzt mit ihm? Sie werden ihn doch nicht verbrennen?«

»Nein, er ist nicht in Gefahr. Diese Werke gehen nicht wie die Realität immer weiter und weiter. Sie enthalten nur eine bestimmte Szene, einen Zeitabschnitt, der vom Künstler festgehalten wurde. Man kann ihn wie ein Theater- oder Musikstück immer wieder von vorne ablaufen lassen. Dieses Autodafé hört auf, bevor die Scheiterhaufen angesteckt werden. In diesem Zustand bleibt es stehen, bis es wieder von vorne gestartet wird. Wahrscheinlich hat Ihr Mann diesen Moment genutzt, um sich den Frauen zu nähern, weil er sich unbeobachtet glaubte. Bei unserem Eintreten haben wir das Autodafé neu in Gang gesetzt und dabei unglücklicherweise Ihren Mann in das Geschehen verwickelt.«

In diesem Moment kam das Autodafé zum Stehen. Der Lärm hörte schlagartig auf, die Leute bewegten sich nicht mehr. Allein Egbert strampelte und zeterte weiterhin an den Pfahl gefesselt.

»Ich glaube, das geschieht ihm recht«, sagte Karla. Die absurde Situation kam ihr allmählich eher komisch als bedrohlich vor. Egbert sollte ruhig eine Weile am Scheiterhaufen schmoren, im übertragenden Sinne natürlich.
»Sollen wir Ihren Mann nicht befreien? Jetzt ist die Gelegenheit dazu.«
»Es gefällt ihm doch hier so gut«, antwortete Karla, »er wird sicher noch etwas länger bleiben wollen.«
»Aber ich kann das Autodafé nicht verkaufen, solange Ihr Mann es besetzt hält.«
»Machen Sie sich darum keine Sorgen: Ich kaufe es.«

Der Händler sah sie erstaunt an: »Sie wollen es haben nach all dem, was passiert ist?«

»Ich kann ihn schlecht bei Ihnen am Scheiterhaufen stehen lassen und einfach nach Hause gehen, oder?«, sagte Karla schnippisch. Sie würde sich Zeit damit lassen, Egbert hier herauszuholen. Vielleicht an seinem Geburtstag? Das wäre eine passende Gelegenheit, dann hätte er gleich mehrere Gründe sich bei ihr zu bedanken. Zwischendurch würde sie ihm ab und zu etwas zu essen und zu trinken vorbei bringen, aber nicht zu viel. Die Strafe musste sein.
»Kommen Sie«, sagte sie zum Antiquitätenhändler, »lassen Sie uns gehen. Kann ich mir das Autodafé morgen von Ihnen liefern lassen? Ich nehme an, dass Sie es mir nicht einpacken und direkt mitgeben können?«

Sie zwinkerte dem Antiquitätenhändler zu, der zweifelnd auf den Platz zurückblickte. Egbert hatte sie inzwischen bemerkt und rief um Hilfe: »Binden Sie mich los. Worauf warten Sie denn? Karla, was machst du denn hier? Jetzt kommt doch endlich.« Er zerrte vergeblich an seinen Fesseln.

Karla warf ihm eine Kusshand zu, hakte sich beim Händler ein und zog ihn mit sich. Sie verließen das Autodafé und schlossen die Tür. Sie sahen nicht, dass auf den Heuballen unter den Scheiterhaufen ein Gegenstand glänzte, den jemand dort verloren oder fallen gelassen hatte. Es war ein modernes Brillengestell mit dicken Gläsern, die die Strahlen der Mittagssonne in zwei hellen Flecken bündelten.

© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de