Das Ereignis

Jancu Sinca: Das Ereignis
Leseprobe
 
(...) Du denkst an eine deiner Arbeitskolleginnen. Sie schien dir von Anfang an am sympathischsten von allen zu sein. Warum, weißt du gar nicht so recht. Vielleicht lag es an ihrer warmen Stimme, die immer ein Mitgefühl vermittelt hat. Vielleicht lag es aber auch daran, daß sie sich dir gleich mit dem Vornamen vorgestellt hat, mit Silvia, und du sie daraufhin gefragt hast, ob der Name mit ‘i’ oder mit ‘y’ geschrieben werde, wobei du dich an deinen eigenen Namen erinnert gefühlt hast, an Conrad, bei dessen Nennung du auch immer gefragt wirst, ob der Name mit ‘C’ oder mit ‘K’ geschrieben werde. Du hast darin vielleicht eine Übereinstimmung erkannt, die sie dir gleich sympathisch gemacht hat. Jedenfalls verstehst du dich gut mit ihr. Doch wenn du sie jetzt anrufen und ihr vorschlagen würdest, eine Reise mit ihr zu machen, würde sie dich nicht vielleicht auslachen? Vielleicht hat sie einen Freund, der da auch noch ein Wort mitzureden hätte. Und könnte sie überhaupt zusagen, wenn du schon morgen losfahren wolltest? Wäre dies nicht viel zu überstürzt für sie? Würde sie so einfach nicht zur Arbeit gehen, sondern mit dir fahren? Nein, das könntest du nicht von ihr erwarten. Nein, diesen Schritt mußt du schon alleine machen. (...)

(...) Fürchtest du dich plötzlich vor deinem Entschluß, eine Reise zu machen? Oder sagst du dir selbst, du könntest es eigentlich woanders nur schlechter haben als hier? Willst du dir damit einreden, daß du gar keine Reise machen brauchst, um dich wohler zu fühlen?
   Nein, das willst du nicht. Du wirst trotzdem diese Reise antreten, auch wenn du sie dir zunächst nur mit dunklen Farben ausmalen kannst. Aber du wirst sie machen. Du mußt bloß aufhören, immer wieder daran zu denken. Du mußt an etwas anderes denken. Aber an was? Du könntest vielleicht an jenes Ereignis denken, das du bis jetzt verdrängt hast. Ja, jetzt, wo du dir etwas anderes vorstellen willst, fällt es dir wieder ein.
   Du bist wie so oft spazieren gegangen am Fluß, als jenes Ereignis eintrat. Du hast das Rauschen der Schleuse gehört, du hast die Pflanzenreste in den Ästen gesehen, die von der Überschwemmung des Flusses herrührten. Es dämmerte bereits. Du warst in Gedanken versunken. Du hast in das trübe Wasser des Flusses gestarrt und mußtest an einen Dichter denken, der sich in solch einen Fluß gestürzt hat, um Selbstmord zu begehen. Es war ein anderer Fluß. Aber an diesem Fluß hier ruhten jetzt in einem Archiv seine Briefwechsel, an die niemand herankam. Sie waren gesperrt. Du mußtest daran denken, daß dieser Dichter eine Zeit seines Lebens dort verbracht hatte, wo auch dein Vater herstammte. Und du hast schon zu diesem Zeitpunkt, als du am Fluß standest, daran gedacht, einmal dieses Land zu bereisen. Da hast du diese Stimme gehört. Es war die Stimme einer Frau. Sie schrie. Aber du konntest nicht genau herausfinden, aus welcher Richtung der Schrei kam. Es war trotzdem deutlich zu hören, daß sie um Hilfe schrie. Vielleicht ist sie am Ertrinken, dachtest du. Aber du sahst niemanden im Wasser. Kam es nicht mehr von der Anhöhe, aus dem Wald? Warum schrie sie aber dann um Hilfe? Sollte sie jemand belästigen? Da mußtest du an die Geschichte deines Freundes denken, wie er eines Tages mit seiner Freundin die Straße entlangging und eine Frau um Hilfe schrie. Er löste sich daraufhin von seiner Freundin und rannte dem Schrei nach. Dabei mußte er über einen Zaun und zerriß sich dabei seine teure Lederjacke. Und als er bei der Frau ankam, wunderte die sich nur, daß jemand ihr zu Hilfe gekommen war. Denn ihr Freund, der sie wohl bedroht hatte, hatte sich schon wieder beruhigt. Alle Aufregung war also umsonst gewesen. Nur seine Jacke war jetzt zerrissen. Natürlich ersetzte sie ihm keiner. Daran mußtest du denken und du hast dich entschlossen, nicht zu Hilfe zu eilen. Aber als du von deinem Spaziergang nachhause kamst, nagte doch dieses Ereignis an dir. Solltest du nicht etwas unterlassen haben, was dich schuldig sprach? Hättest du nicht wenigstens jemand anderen zu Hilfe holen sollen? Es nagte so an dir, daß du heute darüber schreiben wolltest, daß du schon gestern deinem Arbeitskollegen darüber berichten wolltest. Aber du hast beides nicht wirklich getan. Du hast das Ereignis verdrängt. (...)

   (...) Du bist mit dem Einsortieren der Leihscheine in den Zeitschriftenkasten fertig. Dann nimmst du die restlichen Leihscheine, mit denen Bücher angefordert werden, um sie nun in das Regal mit den Fächern einzusortieren, auf denen die Sigel der Bibliotheken stehen, ihre Nummernzeichen. Dabei gehst du danach, was für Zeichen auf deinem Leihschein notiert wurden. Manchmal reicht das auf der Vorderseite notierte nicht aus. Dann mußt du die Rückseite des Scheines ansehen. Wenn dort auch kein Sigel mit denen übereinstimmt, die du im Regal siehst, mußt du den Schein in einen beiseite stehenden Kasten legen. Diese Arbeit nimmt Zeit in Anspruch, da du die Anordnung der Zeichen noch nicht kennst und so in dem Regal genau nachsehen mußt, ob es das Sigel wirklich nicht gibt oder ob du es nur noch nicht gefunden hast. Dir fällt dabei ein, wie flink Silvia sich in solchen Momenten anstellt. Eigentlich ist es seltsam, daß du ihr heute noch nicht begegnet bist. Wenn du genau zurückdenkst, hast du sie schon seit einer Woche nicht mehr getroffen. Sollte sie jetzt ihren Resturlaub genommen haben? Denn sie hat dir einmal erzählt, daß sie noch eine Woche Urlaub übrig hätte. Vielleicht ist sie jetzt sogar verreist. Vielleicht hat sie das schon längst verwirklicht, was du dir noch gestern vorgenommen hast. Dann hättest du sie gestern gar nicht erreichen können. Vielleicht ist sie ja mit ihrem Freund unterwegs anstatt mit dir zu verreisen. (...)

(...) Du siehst eine junge Frau in dem Steingarten knien. Sie scheint eine Pflanze ein- oder auszugraben. Du siehst sie nur von hinten, aber du erkennst in ihr die Tochter der Vermieterin. Ihr Haar glänzt rötlich. Es fällt ihr lang herunter. Du trittst an sie heran und fragst: »Kann ich helfen?« Da dreht sich ihr Kopf herum. Sie sieht dich an und lächelt: »Wenn Sie mir helfen wollen, müssen Sie sich erst umziehen.«
   Jetzt lächelst du auch. Du bist zugleich überrascht über dieses sofortige Einverständnis von ihr. Denn ihr habt noch nie gemeinsam im Garten gearbeitet. Du blickst ihr ins Gesicht. Du hast sie noch nie sonderlich beachtet. Aber jetzt erscheint sie dir schön. Du sagst: »Ich werde mich beeilen.« Da muß sie lachen. Dieses Lachen gefällt dir. Es scheint dir so offen. Du bemerkst, daß du dich ganz frei in ihrer Gegenwart fühlen kannst. Ist es der Garten, in dessen Licht sie dir so schön erscheint, so befreiend, oder ist sie es, in deren Licht dir alles um dich herum so befreiend anmutet? Was ist da über dich gekommen? Solch eine Freiheit hast du in einem fernen Land gesucht, unter fremden Leuten. Und jetzt soll sie dir hier begegnen, so nah? Dir kommt ein Spruch in den Sinn: »Der kluge Mann schweift nicht nach dem Fernen, um Nahes zu finden, und seine Hand greift nicht nach den Sternen, um Licht anzuzünden.«
   Vielleicht ist es ja so, daß du hier jetzt deine Freiheit gefunden hast, die du woanders suchtest? Hast du ganz grundlos dein Leben, wie es ist, in Frage gestellt? Sollte es so, wie es ist, schon immer richtig gewesen sein, nur daß du bisher noch nicht fähig warst, es wirklich wahrzunehmen? Oder willst du dir nur einreden, daß es so, wie es ist, richtig sein muß, um weiter vor dir zu flüchten? Du weißt es nicht. Doch wie kann die Tochter der Vermieterin plötzlich eine Rolle in deinem Leben spielen, wenn du sie doch bisher kaum beachtet hast, wenn du sie gedankenlos gegrüßt hast, auf dem Weg zu deiner Arbeit? Wie kann aber auch dieser Garten eine solche Bedeutung gewinnen, wenn du ihn doch tagtäglich durchschritten hast? Und doch brauchst du dir jetzt nichts mehr vorzustellen. Er ist einfach da. Der Traum deiner Mutter kommt dir in den Sinn, ihr Traum von einem Haus und einem großen Garten. Und du verstehst sie plötzlich.
Du denkst, ja, du wirst dich beeilen, um der Tochter im Garten zu helfen. Und du verschwindest in der Haustür, im herausdringenden Quittenduft. Du gehst die Stufen hoch und schließt die Tür zu deiner Wohnung auf. Du ziehst die Jacke aus, hängst sie auf einen Bügel und gehst ins Schlafzimmer, das klein ist und nur ein Fenster hat, das zum Hang heraus geht, weswegen wenig Licht hereinfällt. Du machst das Deckenlicht an und öffnest den Kleiderschrank. Alle Hemden, die da hängen, brauchst du, um zur Arbeit zu gehen. Sie sind außerdem zu fein für eine Gartenarbeit. Du überlegst, einen Pullover zu nehmen. Doch als du jeden genau ansiehst, erscheinen sie dir auch zu schade dafür. Vielleicht findest du ja eine geeignete Hose. Du solltest erst einmal mit der Hose beginnen. Dann wird sich schon alles übrige finden.
   Bis auf eine Jeans kommt eigentlich nichts in Frage. Doch die trägst du so gerne, weswegen du sie eigentlich nicht einer Gartenarbeit opfern willst. Was sollst du also tun? Du fragst dich, ob es nicht eigentlich schon zu spät ist, um im Garten zu arbeiten. Wird es nicht bald dunkel sein? Lohnt es sich also überhaupt noch herauszugehen? Solltest du es nicht auf einen anderen Tag verschieben?
Ja. Du solltest lieber schreiben. Jetzt. Denn heute wirst du den Mut finden, über dein Ereignis zu schreiben. Da bist du dir sicher. Heute wirst du mit der Wahrheit beginnen. Denn es ist etwas eingetreten, was du bis jetzt noch verdrängt hast. Man hat es dir heute bei der Arbeit erzählt. Silvia ist tot. Sie wurde im Fluß gefunden. Dort wurde sie an irgendein Ufer herangetragen. Jetzt, wo sie gefunden wurde, wo alle von ihrem Tod wissen, kannst du dir endlich die Wahrheit über das Ereignis eingestehen. (...)

(...) Du hast dich mit ihr getroffen. Du wußtest schon, daß sie ihre Arbeit aufgeben will, um zu studieren. Du wußtest auch, daß sie dafür die Stadt verlassen will. Und du wolltest sie daran hindern. Du wolltest ihr deine Liebe zeigen. Doch sie hat dich nur ausgelacht.    Ihr gingt gerade am Fluß spazieren. Es dämmerte. Aber an der Schleuse waren die Angler nicht wie sonst zu sehen. Du gingst neben ihr und wußtest nicht, wie du es ihr beibringen solltest, was du für Gefühle für sie hegst. So bliebst du stumm. Sie warf einen Stein in das schäumende Wasser. Ihr gingt weiter. Du mußtest irgend etwas sagen. Du sprachst von der Dämmerung, die du so gerne hast. Nicht die klaren Farben zögen dich an, sondern die undeutlichen. So würdest du auch die Farbe ihrer aschblonden Haare mögen. Mit dieser Aussage warst du schon nahe daran, ihr deine Liebe zu gestehen. Doch da sagte sie, sie halte nicht viel von der Farbe ihrer Haare. Deswegen habe sie sie oft gefärbt. So mußtest du wieder von vorne anfangen. Du verstummtest erst einmal. Du wußtest nicht, wie du erneut ansetzen solltest. Inzwischen wart ihr schon weit von der Schleuse entfernt. Das Wasser hatte sich beruhigt. Das Ufer wurde niedriger. Der asphaltierte Weg lag jetzt nicht viel höher als die Wasseroberfläche. Man brauchte nur wenige Schritte seitwärts zu gehen und man würde ins Schilf und ins Wasser treten. Da zog sich Silvia die Schuhe aus, um im Sand am Ufer ein paar Schritte zu machen. Sie mochte den nassen Sand unter den Füßen. Denn der Sand war noch naß von der nicht lang zurückliegenden Überschwemmung. Zunächst wolltest du nur auf dem Weg auf sie warten. Dabei verlorst du sie kurz aus den Augen. Doch dann gingst du auch zum Wasser. Dort stand sie. Du fragtest sie, ob ihr nicht kalt sei. Sie nickte. Da nahmst du sie in deine Arme und wolltest sie küssen. Doch sie befreite sich gewaltsam aus der Umarmung. Sie stieß dich zurück. Da packtest du sie noch einmal mit festerem Griff und brachtest sie zu Fall. (...)

© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de