Fremdes Brot

Wilhelm Dreischulte: Fremdes Brot
Leseprobe
 
Uneheliche Kinder

Die Großmutter der alten Frau war Hebamme. Die Großmutter lernte einen jungen Mann kennen, den sie heiraten wollte.
Kurz vor der Hochzeit vertraute sie ihm an, dass sie schwanger sei. Der Mann war verwundert.
»Allerdings nicht von dir, sondern von deinem Bruder«, fügte die Großmutter hinzu. Die Hochzeit platzte.
Der Mann heiratete später eine andere. Sein Bruder floh nach Amerika und die Großmutter gebar die Mutter der Frau, Ernestine. Unehelich!
Ernestine arbeitete später auf einem Bauernhof. Sie lernte einen jungen Mann kennen, der den Hof übernehmen sollte. Auch sie wurde schwanger und teilte dies dem jungen Mann mit. Damit das Kind, wenn nicht ehelich gezeugt, doch wenigstens ehelich zur Welt kam, beschlossen sie möglichst bald zu heiraten. Wenig später verunglückte der junge Mann aber mit seinem Fuhrwerk. Bevor er starb, beschwor er seine Eltern, gut zu ihr und ihrem Kind zu sein. So wurde Frieda geboren, eine Halbschwester der Frau.
Friedas Mutter Ernestine bekam ein Bett, einen Schrank und dreihundert Mark. Das war viel Geld. Sie kehrte dennoch wieder zur Großmutter zurück und Frieda wuchs bei den Eltern des verstorbenen Mannes auf.
Bald darauf lernte Ernestine einen neuen Mann kennen. Dieser tat Dienst bei der Eisenbahn. Sie brachte diesmal zwei Buben zur Welt, die Zwillinge Franz und Karl.
»Zwei Halbbrüder von mir«, sagte die Frau, »beide unehelich!« Sie nickte dabei N. beteuernd zu, der das Gehörte nicht so recht glauben mochte.
Ernestine starb auch der zweite Mann durch einen Unfall weg, ohne dass es zu einer Hochzeit gekommen war. Er stand während einer Unterhaltung zu nahe am Bahngleis, sodass er mit voller Wucht von einem hereinfahrenden Zug zu Boden gerissen wurde.
Mit den beiden Halbgeschwistern der Frau, Franz und Karl, durfte Ernestine in der großen Wohnung bleiben, die dem Eisenbahner gehörte. Sie nahm einen Eisenbahnerkollegen, genannt Isidor, und den Bruder ihres zweiten Mannes zur Miete auf.
Isidor hatte schon bald klar gemacht, dass er seine Vermieterin heiraten würde. Er wäre schließlich zuerst eingezogen. Es dauerte nicht lange, und die Frau wurde geboren, Klara.
»Wie könnte es anders sein, unehelich«, bemerkte die Frau.
Ihre Mutter Ernestine wurde kurz darauf wieder schwanger. Doch bevor dieses zweite Kind von Isidor auch noch unehelich wurde, heiratete er schnell die Mutter. So wurde kurz nach der Hochzeit die Schwester der Frau geboren, Ruth, das erste noch gerade eheliche Kind.
»Es wimmelte also nur so von unehelichen Kindern«, schrie die alte Frau plötzlich auf. »Und mich warf Isidor wegen meines unehelichen Kindes hochkantig aus dem Haus.«
 
 

Alltägliches früher

Einmal im Monat kam der Seifenmann. Er klingelte die Leute aus dem Haus und verkaufte Seifenpulver und Seife. Irgendeine Überraschung war immer dabei, einmal ein Goldarmbändchen, versteckt im Seifenpulver. Die Frau durfte es zunächst tragen. Doch sobald Isidor sie damit sah, nahm er es ihr wortlos ab.
Wie der Seifenmann, so kam auch der Milchmann. Der Milchmann kam allerdings täglich und klingeln brauchte er auch nicht. Denn die Milchtöpfe standen bereits auf den Treppenstufen vor dem Haus. Samstags lag Geld für ihn unter dem Topf. Wenn die Mutter der Frau mal mehr Milch als gewöhnlich wollte, heftete sie einen Zettel an den Topf.
Für die tägliche Milch war also gesorgt. Die Frau verabscheute Milch. Jeden Morgen musste sie ein Glas trinken, da sie als blutarm galt. Eisern wachte ihre Schwester darüber. Trank sie ihre Milch nicht, schwärzte die Schwester sie bei Isidor an und Isidor schlug sie.

Ein Ei kostete um 1912 fünf Pfennig, ein Bruchei drei Pfennig. Landjäger kosteten zwölf Pfennig und eine Cervelatwurst fünfzehn Pfennig. Diese war etwa so groß wie eine abgepackte Teewurst, allerdings dicker. Für die wöchentliche Milch bezahlte die Mutter der Frau zwei Mark fünfzig.
Jedes halbe Jahr ging die Frau auf die Kirmes. Dort gab es ähnliche Preise, aber man konnte mit dem Geld viel mehr machen.
Beim Teufelsrad stieg man eine Treppe hinauf und gelangte zu einer runden waagerechten Platte, die sich drehte. Bevor man die Platte betrat, musste man zehn Pfennig zahlen. Befanden sich ausreichend genug Leute auf dieser Platte, begann sie sich gleich so schnell zu drehen, dass viele Leute sofort wieder heruntergeschleudert wurden.
Diejenigen aber, die in der Mitte des Teufelsrades waren, hielten sich länger. Die beiden Brüder der Frau brachten es zu ganzen Nachmittagen auf dem Teufelsrad. Sie drehten und drehten und drehten sich, und das alles für zehn Pfennig.
Währenddessen schaute sich die Frau die Stände und Buden allein an. Leidenschaftlich gern schaute sie dem Bergmann zu. Er hatte ein Minibergwerk aufgebaut. Ein Stollen wurde immer dann sichtbar, wenn kleine Wägelchen hindurchfuhren. Erreichten die Wägelchen einen nächsten Stollen, erlosch die Beleuchtung des gerade verlassenen Stollens und der nächste Stollen erschien. Der Bergmann hatte dies in Miniatur so nachgebaut, wie er es jahrelang gekannt hatte. Seit seinem Unfall im Bergwerk zog er von Kirmes zu Kirmes.
Schön war auch ein nachgebautes Schwarzwaldhäuschen. Hinter den kleinen Fenstern und unter dem Schindeldach war rechts das Herren- und links das Damenklo.
Einmal kam die Frau an einem Friseurstand vorbei. Eine Friseurin hatte wohl gerade nichts zu tun und langweilte sich. Auf jeden Fall rief die Friseurin sie zu sich: »Komm mal her, ich mache dir schöne Locken.«
Sie war ahnungslos gewesen und neugierig. Mit einer Brennschere und heißem Wasser drehte die Friseurin ihr einen Lockenkopf.
Sie sah aus wie ein Pudel. Stolz wie ein Spanier lief sie herum und zeigte sich ihren Brüdern. Die waren mächtig erstaunt. Die Mutter allerdings fiel beinahe in Ohnmacht. In einem Anfall von Panik packte die Mutter sie. Mit heißem Wasser und Handtuch kämpfte sie solange mit den Haaren, bis von dem Pudelkopf nur noch wenig übrig blieb.
»Wenn das der Vatter sieht«, schrie die Mutter dabei unentwegt. Die Frau traute sich nicht zu weinen, sonst hätte sie auch noch eine Tracht Prügel gekriegt.
 

Abendstille

Als die Frau im Zweiten Weltkrieg noch auf dem Land lebte, hatte sie eine Aussichtsbank. Sie war etwas zu hoch für ihre Füße. Eine Kirchturmglocke schlug sechsmal, wenn sie dort saß. Ab und zu hörte sie jemanden Holz schlagen. Die Vögel zwitscherten.
Sie schaute von oben auf ihr Dorf. Es war zum Horizont hin in Abendnebel eingehüllt und lag am Anfang einer Flusslandschaft, die sich lieblich zwischen kantigen Bergen hinzog. Die Sonne war orangerot. Es war schön und der Krieg irgendwo anders. Ein leichter Wind bewegte die Grashalme ein wenig. Ein Geräusch wurde immer lauter. Es war das Tuckern und Rattern eines sehr langen Kriegszuges. Sehr langsam fuhr er vorbei, genauso langsam wie ein Trecker mit Anhänger.
Dann war es still. Minutenlang hörte die Frau nur Vogelgezwitscher. Wieder sah sie die Sonne. Sie blinzelte ihr diesmal zwischen den Zweigen einer Buche zu.
Das war ein Zeichen für sie aufzustehen. Und während sie sich von der Sonne und ihrem Dorf abwandte, war direkt vor ihr weiß der volle Mond.
Sie drehte sich schnell um, und hinter ihr war wieder die orangerote Abendsonne. Mond. Sonne. Sonne. Mond. Die Frau stand genau zwischen beiden.
 

Sparschwester

Ruth, die eine Schwester der Frau, sparte, wo es ging. Nahezu jeden Tag aß sie Pellkartoffeln und Gurkensalat. Da kannte sie die Preise und wusste, wo die Sachen billig zu haben waren.
Die Kleider, die die Frau nicht mehr trug, trug die Schwester ganz auf.
»Wär ja zu schade«, sagte die Schwester. Zweimal in der Woche ging sie zum Hauptfriedhof. Einen Bus zu nehmen, war ihr viel zu teuer. So lief sie drei Stunden hin und drei Stunden wieder zurück und sparte sechs Mark sechzig.
Als die Frau mal Kalbsgeschnetzeltes essen wollte, besorgte es ihr die Schwester. Sie schrieb es sich auf, weil sie nie Fleisch oder Wurst einkaufte. Später lud die Frau dann ihre Schwester zum Essen ein. Es habe zwar gut geschmeckt, sagte diese hinterher, aber so viel Geld für so ein bisschen Vergnügen.
Im Grunde ging es ihrer Schwester nur darum, kostenlos an die Dinge heranzukommen. Das war ihr Hobby, und wenn sie abends im Bett lag und sich anstatt der Schafe ihre kostenlosen Errungenschaften aufzählte, schlief sie am besten.
So wie neulich. Herr Kintzig rief sie wieder mal an. Sie könnte vorbeikommen und die heruntergefallenen Pflaumen und Mirabellen auflesen.
Die Schwester der Frau kam prompt und las die Pflaumen und Mirabellen auf. Es waren natürlich noch außerordentlich viele Marmeladentaugliche darunter.
Die Schwester hatte Herrn Kintzig über die Pflaumen und Mirabellen kennengelernt. Sie war vom Friedhof auf dem Weg nach Hause gewesen und marschierte gerade am ›Studentenhimmel‹ vorbei, als ihr ein Mann im Garten auffiel, der unter Obstbäumen etwas zusammenrechte. Da stimmt etwas nicht, dachte sie mit ihrem Sparinstinkt, die Herbstblätter sind ja noch gar nicht gefallen.
»Was rechen Sie denn zusammen?«, fragte sie den Mann und trat an seinen Gartenzaun.
»Ach, wissen Sie, es ist jedes Jahr dasselbe. Ich weiß gar nicht wohin mit dem Fallobst.«
»Kein Problem«, antwortete die Schwester und machte ihm ihren Marmeladenvorschlag.
Seitdem hatte sie über dies Fallobst wieder einen neuen Sparspaß, der sich jedes Jahr wiederholte.
Außerdem warf dieser Spaß noch Zinsen ab. Denn über Herrn Kintzig lernte sie Herrn Franek kennen, der mit der Wolle seiner Schafe nichts weiter anfangen wollte.
Die Schwester der Frau bekam nun auch jährlich Wolle kostenlos, aus der sie fast ihre ganze Winterkleidung strickte, von Hauspantoffeln über Strumpfhosen bis zum Pullover und natürlich einer Jacke. Stricknadeln schnitzte sie sich aus Lindenholz, weil es so weich ist und kostenlos draußen herumliegt.
 

Junges Ding

Wieder mal war die Frau in der Stadt. Frau Tonz war krank und sie brauchte unbedingt ihren Kaffee vom Tee-Peter, bei dem sie schon seit fünfundsiebzig Jahren kaufte. Die Frau rief also ein Taxi. Es brachte sie direkt vor die Geschäftstür vom Tee-Peter. Sie kaufte gleich die doppelte Menge wie sonst, zahlte und wollte gehen. Die Verkäuferin aber sah, wie sehr sie sich davonschleppte: »Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, Sie so fortzulassen. Sie können ja gar nicht mehr laufen.« »Doch, doch«, wehrte die Frau ab, »es geht schon und wenn es nicht mehr geht, setz ich mich auf eine Bank, spreche eine von den jungen Dingern an und lasse mir helfen.« Gesagt, getan. Doch es war keine Bank in der Nähe und sie stand direkt vor so einem Bächle, wie es sie in ihrer Stadt überall gab. Allerdings eines der jungen Dinger war erreichbar. »Wenn ich mich bei Ihnen einhaken darf und Sie mir helfen, ein paar Besorgungen zu machen, lad ich Sie zum Essen in einem Lokal Ihrer Wahl ein.« »Wollen Sie mir ein Märchen erzählen?«, antwortete darauf das junge Ding. »Das ist mein vollster Ernst«, erwiderte die Frau. »Haben Sie Zeit und Lust?« »Zeit hab ich nicht so viel ...« Und nach kurzem Nachdenken willigte sie ein. Die Frau durfte sich bei ihr einhaken und gemeinsam suchten sie verschiedene Läden auf: Modengeschäft – Strumpfhose und siebenhundert Mark teurer Mantel, Bäckerei – Feierabendbrot, Apotheke – Schlaftabletten, Metzgerei – Rindfleisch. Dann war die Frau völlig fertig. In einer Pizzeria bestellte sie sich nur einen Salat. »Suchen Sie sich aus, was Sie immer schon mal essen wollten.« »Wirklich? Ist das Ihr Ernst?«, staunte das junge Ding. »Der hieß zwar anders, aber er ist es«, schmunzelte die Frau ihr zu. Das junge Ding aß und aß und aß. Salat, Lasagne, Spaghettieis, trank einen halben Liter Radler und zuletzt einen Espresso. Beim Abschied drückte die Frau ihr zwanzig Mark in die Hand. Feuerrot wurde daraufhin der ohnehin schon rotgewordene Jungdingkopf. Ja, und wie ein kleines Mädchen stand das junge Ding dann auf und nahm mit einem Knicks das Geld entgegen. Die Frau dachte, sie sehe nicht recht, putzte ihre Brille ...

© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de