Jazz-Life

Wolfgang Dahlke: Jazz-Life
Leseprobe

A-Part (Thema)

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Zehn Minuten später ruft er Annette an: Stell dir vor, Ina will mich in ihrer Band mitnehmen. Wir spielen in ganz Europa!

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    Eine Jazzband ist ein Arbeitsverhältnis. Eine Produktionsgruppe auf Montage. Montage, Dienst-Tage, Frei-Tage. Eine Tour ist der letzte melancholische Versuch, dieses schwierige, fast unmögliche Produktionsverhältnis durch geographische Ausweitung erträglich zu machen, indem man es auf möglichst viele verschiedene Orte in möglichst schneller Abfolge verteilt, damit es keiner mehr merkt.

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B-Part

Mo. 12.2. Salzgitter, Di. 13. Braunschweig, Do. 15. Hannover, Fr. 16. Emden, So. 18. Lucklum, Mo. 19. Goslar, Mi. 21. Jever, Fr. 23. Oldenburg, So. 25. Oberhausen, Di. 27. Emsdetten, Do. 1.3. Kassel, Fr. 2. Frankfurt, So. 4. Heidelberg, Mo. 5. Esslingen, Mi. 7. Tübingen, Fr. 9. Rottweil, So. 11. Biberach, Di. 13. Fürstenfeldbruck, Mi. 14. Freiburg, Fr. 16. Romans, Sa. 17. Lyon, Mo. 19. Bordeaux, Mi. 21. Santander, Sa. 31. San Sebastian, Mi. 4., Do. 5., Fr. 6.4. London

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E-Part

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Komm, gib mir deinen Schlüssel!

Mach ich nicht! Hör auf jetzt mit dem Blödsinn!

Plötzlich schnellt Gunthers rechte Hand in seine Richtung. Thaddis weiß auch später nicht, nachdem er die Szene wiederholt durchgespielt hatte, was diese Bewegung alles hätte bedeuten können. Vielleicht wollte er ihn stoßen, irgendwie rempeln, vielleicht wollte er ihm auch richtig eine reinhauen; mag sein, dass er nur in seine Tasche fassen wollte, um sich den Schlüssel selbst zu holen.

Thaddis hat keine Angst vor Betrunkenen. Sein Vater hatte immer gesagt: sei vorsichtig bei Besoffenen, die sind unberechenbar und haben keine Skrupel. Seit er mit dreizehn oder vierzehn unter dem Jubel seiner Fußballkumpels einen volltrunkenen Bauarbeiter, der ihnen den Ball aufgeschlitzt hatte, mit dem rechten Bein und einer flinken Schubsbewegung ausgehebelt hatte und auf ihn eindrosch, wobei sich der Goliath hilflos die Jacke über den Kopf zog und ihn bat, aufzuhören, fühlt er sich überlegen, wenn sein Gegner blau ist.

Mit der linken Hand wehrt er die Armbewegung, die Gunther in Richtung auf seinen Körper vollzieht, ab. Mit der rechten Faust haut er ihm mit aller Wucht mitten ins Gesicht.

Er ist erstaunt, wie laut und hohl das klatschende Geräusch ist, als wenn Bud Spencer zuschlägt, erinnert er sich später, oder als ob du mit der flachen Hand auf einen Mehlsack haust.

Ebenso verwundert ist er über den folgenden Umstand, dass nämlich Gunthers Kopf, der auf dem Hals gar keinen rechten Halt zu haben scheint, ruckartig rückwärts schleudert und mit einem satten Pock hinten gegen die Wand schlägt.

Enttäuscht ist er aber darüber, dass der optisch eindrucksvolle Bewegungsablauf und das Wirkung versprechende Klangensemble nicht den gewünschten Effekt zeitigen, an den er sich in ähnlichen Spielfilmszenen gewöhnt hatte: dass nämlich der Getroffene langsam ohnmächtig in sich zusammensackt oder blitzschnell zu Boden gestreckt wird und regungslos liegenbleibt, weil: Der Held muss noch fünf, sechs weitere Gegner erledigen.

Vielmehr reißt Gunther die Augen weit auf, er scheint nun vollkommen nüchtern zu sein, und packt mit seinen Kraftfahrerpranken Thaddis’ Handgelenke. Er sieht sehr wütend aus.

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Impro (on cue: da capo al segno)

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Kain hat sein Horn umgehängt und schnippt undeutlich und kaum hörbar einige Male mit Daumen und Zeigefinger, das Tempo, obgleich schwankend, ist unglaublich hoch, an die vierhundert, sagt Stan später, Douche sieht fragend zu ihnen herüber, er weiß auch nicht, was angesagt ist. Es ist ja nichts angesagt.

Kain spielt die erste Phrase von »Yes or No«, Thaddis erkennt es nach Bruchteilen einer Schrecksekunde und ruft Stan den Titel zu, der ihn an Douche weitersagt. Während Stan aufgibt, danach in seinem Ordner zu suchen, das Stück ist nicht im Programm, irrt Douche, der ohnehin keine Noten hat, blind durch sämtliche Harmonien, die er kennt und von denen er hofft, dass die eine oder andere irgendwie passen könnte. Ina hat schnell das Mikrophon über den Notenständer gehängt und holt sich ein Wasser an der Theke; Jörn fummelt am Mischpult herum, als müsse der Sound hier und da noch verbessert werden.

Kain bewegt sich kraftvoll und eckig, zieht das rechte Bein an, reißt hin und wieder den Oberkörper nach oben, als müsse er einige verklemmte Töne gewaltsam aus dem Horn zerren. Selbst von hinten kann Thaddis sehen, wenn Kain wütend ist. Noch hat das Stück keineswegs an Tempo verloren. Kain bricht ab, verbeugt sich kurz im frenetischen Jubel, stürzt an die Theke und kommentiert ganz offensichtlich belustigt das weitere Spektakel. Er scheint sich darauf zu freuen, dass ohne ihn gleich alles zusammenbrechen wird.

Thaddis spürt eine unbestimmte Angst aufsteigen, er weiß, daß Douche, der prinzipiell nicht zuhört, wenn andere spielen, kaum bemerkt haben dürfte, dass die Form im A-Teil nur vierzehn Takte hat, im B-Teil hingegen sechzehn. Stan, der Kains Chorus vorsichtig und aufmerksam begleitet hat, ist das offensichtlich nicht entgangen.

Douche hat dennoch und wider Erwarten mitbekommen, dass sie sich alle unaufhaltsam voneinander entfernten und brüllt: »Free«!

Stan und Thaddis reagieren prompt. Sie lösen das Tempo auf, spielen hier ein Bassriff, dort einen Beckenwirbel. Ein Raumschiff, das nach einem Volltreffer in der Kommandozentrale ziellos durch den Orbit schlingert. Douche schüttet perlende Kaskaden wohltönender Unverbindlichkeit ins staunende Publikum.

Stan verzieht das Gesicht und brüllt: »Bullshit!« oder »Kraut und Rüben!«, die Zuhörer quittieren diese Ausbrüche höchster Entrückung mit begeistertem Szenenapplaus.

Douche hat die Augen geschlossen, bewegt den Oberkörper ausladend vor und zurück, manchmal seitlich, als müsse er furzen. Dann glotzt er indifferent in ihre Richtung und zählt das Tempo wieder ein: one, two, one, two, three, four. Jetzt spielen sie immer noch falsch. Aber in Time.

An irgendeiner Stelle steigt aus dem galaktischen Nebel das Thema wieder auf, wie der längst verloren und zerstört geglaubte Heimatplanet, nach dem sie Lichtjahre lang vergeblich gesucht haben.

Kain schreitet mit erhobenem Horn aus Richtung Theke durch die Stuhlreihen. Die entfesselte Menge brüllt und johlt klatschend und stampfend in die elegisch breit ausgewalzten Schlussharmonien, die sie sich angewöhnt haben, einem verpatzten Stück folgen zu lassen, wie ein Sprinter, dem hundert Meter zu schnell vorbei sind, und der, wenn er schon nicht der erste war, wenigstens zeigen will, dass er noch lange nicht erschöpft ist. Der Schuppen tobt!

Das kann Douche nicht auf sich sitzen lassen. Kain hat ihn vorgeführt, ihn in Verlegenheit bringen wollen. In die abebbenden Wellen der Begeisterung setzt er eigenwillige Brandungsfelsen, Cluster, die man erzielt, indem man mit den Fäusten oder am besten dem ganzen Unterarm versucht, so viele Töne wie möglich gleichzeitig zu treffen. Die trotzigen Riffs werden zunehmend deutlicher umspült von Melodieläufen.

Bruchstücke einer havarierten und zerborstenen Kogge, die Thaddis als eine der ersten Eigenkompositionen – ein Stück »von selbst« hatte Douche immer gesagt – des gereiften Jugendstars wiedererkennt, klatschen an das massive Gestein.

Thaddis tingelt im Hintergrund »gefühlige Untermalungspatterns« – auch eine Begriffsschöpfung des genialen Meisters, der schon in seiner Sprache Distanz zum schnöden Alltäglichen herstellt und nicht etwa »gefühlvoll«, »sensibel«, »einfühlsam« oder nur »Begleitfiguren« sagen würde.

Stan streicht mit dem Bogen über möglichst tiefe Saiten, wo auch bei guter Intonation nur ein fettes Brummen entsteht, und singt: Erkennen Sie ... die Melodie?

Ina weiß, dass sie als Leiterin und Sängerin der Gruppe dem Geschehen nicht länger als für ein Stück fernbleiben darf, und improvisiert leichtfüßige, schwebende Skat- Fragmente in den Brei, unter Zuhilfenahme des internationalen Wortschatzes fast sämtlicher Nationalhymnen: la, la la, la, la, la, lalala.

Kain hat den rechten Zeitpunkt verpasst, an die Theke zu flüchten und muss nun widerwillig auch mitspielen. Anfangs versucht er ein Echo der Melodieangebote Inas. Als sie ihm zu langweilig werden, spielt er ihr rhythmisch komplizierte Phrasen vor, die sie lächelnd, manchmal laut aufschreiend vor Begeisterung, nachsingt.

Jörn lötet unbeteiligt am Stecker eines Boxenkabels.

Das war ja gar nicht mal so gut! nörgelt er in der ersten Pause. Wollt ihr die Grütze den ganzen Abend weitermachen?

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© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de