Am Fluss

Rolf Unterfenger: Am Fluss
Leseprobe

|– Welcher Teufel hat mich bloß geritten, in der nachmittäglichen Sommerhitze den Philosophenweg hochzustapfen? Der linke Fuß schmerzt hinkend und überhaupt keuchen meine Poren Salzlake aus.

Touristentrupps grinsen mitleidig; ich wünsche sie hin, zur Pfefferhölle; oder wo sie sonst herkommen mögen.

Rechts unten silbriert der Neckarfluss wie eine Glassargfläche, behütend ein Schneewittchen aus pfälzer Buntsandstein, roten Ziegeldächern und Schiefer-Einsprängseln. Der faule Apfel steckt ihm noch im Brückenhals, getränkt vom süßen Gift der Romantik. Und die Völker dieser Welt drücken sich die Nasen platt.

Hinter der nächsten Biegung hoch, über dem Philosophengarten, wartet eine Bank unter einer Linde auf meine müden Knochen. Als ich die wenigen Treppenstufen zu der Bank erklimme, lehnt dort schon ein Spazierstock aus dickem Bambus, das Holz gedunkelt; vom langen Gebrauch wahrscheinlich; unten mit einem dicken Gummistempel; bereits schräg gelaufen.

:: Du brauchst wohl auch bald einen

– wird mein grußnickendes Hinsetzen kommentiert.

:: Wahrscheinlich

– gebe ich mit resignativer Geste retour, und betrachte meinen Nebenmann: kurze Beine neben dem Stock, untersetzt, breite Schultern, kurzer Hals, insgesamt etwas derb, aber wache Augen, Stirnglatze mit weißem Haarkranz und Sonnenhut obenauf; ein sicherlich knotteriger, mithin normaler alter Pfälzer eben; vielleicht ein Athlet in jungen Jahren.

(...)




(...)

|= Wenig später hatte unser Spaziergänger den Montpellierplatz überquert, auch die Ampel an der Neckaruferstraße abgewartet und die Steinstiegen hinunter zum Ufer des Flusses gemeistert. Dort stieg er in die kleine Fähre ein, wie er es schon viele Male in den letzten Jahren getan hatte, um sich auf die Nordseite des Neckartales schaukeln zu lassen.

Die Fährfrau hantierte geübt mit Halteseil, Gashebel und Steuerrad und alles tuckerte seinen Gang, während anfangs noch einige Enten das Boot begleiteten und ein Schwanenpaar mit kleinen grauen Jungen die Szenerie aus respektvollem Abstand beobachtete. Nachdem unser Spaziergänger seine übliche Rundschau über Fluß und Brücke, Schloß und Bergbahn absolviert hatte, blieb sein Blick an seinem Gegenüber haften.

Halb ins Profil gedreht hing mehr als er saß, ein Mann, kaum älter als unser Protagonist, schwarz gekleidet, schlank bis dürr – die Schulterblätter ragten deutlich hervor. Das schmale Gesicht mit grauschwarzem Kurzbart gerahmt, passend zu ebensolchem Haupthaar; den ruhigen Blick aus den dunklen Augen empfand der Betrachter als gütig, fast schon behütend – insgesamt eine Person, die Vertrauen in ihm emporkeimen ließ. Fast als kenne er diesen Mann schon seit seiner Kindheit, als er mit diversen bronchialen Infekten und auch Lungenentzündungen immer wieder wochenlang im Krankenbett beheimatet war. Er verwunderte sich darüber, daß ihm ausgerechnet diese Erinnerung kam, aber wer kann den Fluß der Assoziationen schon steuern? Im Verbund mit der klaren Hakennase des Knochenmannes erschienen ihm dessen Augen auch scharf, wachsam, und dies wurde noch verstärkt durch eine Brille mit schwarzer Metallfassung. »Turmfalke« fiel ihm ein, aber dann auch »im Turm«, in einer Gruft, einem Keller, einem Gewölbe – genauer in einem Gewölbekeller sah er ihn – was machte solch ein Jemand hier in der hellsten Mittagssonne?

Die Mitte des Neckars war gerade überfahren, da fröstelte es den Spazierfahrer über den Rücken, auch fühlte er sich wie von einer kalten Glasplatte auf die Brust gedrückt, gerade so, wie er es als Kind in dem Durchleuchtungsapparat des Lungenarztes so oft erfahren hatte. Sein dunkles Gegenüber zündete sich eine neue Zigarette an, und in dem Aufglimmen der Tabakfäden durchzuckte es den Träumer wie ein Blitz: Er saß Gevatter Tod gegenüber!

Als unser Wanderer aus einer naphtalinen Benommenheit, in die ihn dieser letzte Eindruck versetzt hatte, wieder auftauchte, war die Fährfrau schon mit dem Anlegeritual befasst, und wir fragen uns rhetorisch, was er wohl sagen würde, wenn er sich selbst hier beobachten könnte?

Der Chronistenpflicht gehorchend sei hier noch angemerkt, daß in dem Jahr, aus dem hier berichtet wird – es war, sagen wir es gerade heraus, der erste Juli des Jahres 2000, des letzten Jahres dieses Jahrhunderts – die Fähre ›Mary-Ann‹ gar nicht mehr fuhr. Aber unserem Helden verschweigen wir dies füglich, denn auch für Nichtschwimmer wie ihn soll das universelle Hummelprinzip Gültigkeit behalten.

(...)

(...)

|– Er schweigt immer noch; etwa beleidigt? Aber das kann ich mir kaum vorstellen; jetzt habe ich mich gerade an sein Erzählen gewöhnt; jetzt hält er die Klappe! Also sollte mir wohl ein neues Thema einfallen.

Auf dem Fluss tuckert gerade ein holländisches Ausflugsboot herauf, die Pepperkorn; naja, genau kann ich das nicht erkennen; es ist eher geraten; aber auf alle Fälle ein schwimmender Wohnwagen sozusagen. In dessen schräger Heckscheibe blitzt die Nachmittagssonne gespiegelt herauf; vom Heck des Bootes laufen die Wasserwellen zum Ufer hin aus und brechen dort um. Einige Enten wippen in ihnen auf und ab …

genau: Huygens!

:: Schauen Sie mal da unten; ob der Holländer dort im Holländer Hof absteigt, um Holz aus dem Odenwald einzukaufen; zwecks Schiffbau, wie seine Vorfahren einstens; wohl kaum?

– Keine Reaktion; nun gut, dann eben weiter

:: Sollten wir in Ihrer Wissenschafts-Geschichte nicht doch mal das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert würdigen? Wie wäre es zum Beispiel mit dem Holländer Christiaan Huygens, ein Mathematiker der französischen Analysis-Schule, Lehrer und Berater von Leibniz und als Physiker der Erfinder der Welleneigenschaft des Lichtes; wegen Letzterem der Gegenspieler zu dem Billardspieler von der Insel; einem gewissen Newton, Isaac.

:: Darauf konnte ich ja wetten, dass du mir den Newton auch noch madig machen willst.

– So brummte er vernehmlich zwischen den Zähnen hervor; also geht doch.

:: Im Übrigen sind wir keineswegs so blöd, wie du uns hier hinstellst. Selbstverständlich haben wir den Wert mathematischer Methoden auch begriffen. Nicht zuletzt gerade durch die Fluxionsrechnung des Herrn Newton; um nicht zu sagen »unseres Herrn Newton«. Wir waren auch schon drauf und dran, den Komplex »mathematische Wissenschaften« in unser Referat einzugliedern, aber dies scheiterte unter anderem an den Auswirkungen des Streites mit diesem unseligen Herrn Leibniz, der doch glatt behauptete, das Alles selbst auch erfunden zu haben; ob solcher Dreistigkeit konnten wir nur noch den Kopf schütteln.

:: Mooment! Machen Sie mal halblang mit Ihren Vorurteilen und Ihrem Halbwissen. Ich glaube, da muss ich Sie erstmal aufklären: Dieser sogenannte »Prioritätenstreit«, auf den Sie da anspielen, war eine rein wissenschaftspolitische Angelegenheit, die von einigen Herren von der Insel absichtlich vom Zaun gebrochen wurde. Tatsache ist, dass »Ihr« Herr Newton in erster Linie Physiker war; mithin Physik betrieb und sich deshalb einen mathematischen Kalkül zum Beherrschen unendlich kleiner Zeitintervalle schuf, eben die Fluxionsmethode.

Soweit so gut! Dagegen nun war Leibniz, »mein« Leibniz, wenn Sie so wollen, im Wesentlichen Mathematiker und wurde eben von Huygens in Paris auf das Tangentenproblem an den Halbmonden aufmerksam gemacht. Und aus der Beschäftigung damit entwickelte Leibniz eine mathematische Theorie, die Differentialrechnung, mit eigenen Bezeichnungen und Symbolen. Auch mit Definitionen und Sätzen und allem Zip und Zap, was zu einer ordentlichen Theorie eben alles dazu gehört. Die Franzosen übernahmen sie dann auch begeistert, bauten sie ordentlich aus, und es erwies sich, dass die Fluxionsmethode einen Spezialfall der allgemeineren Differentialrechnung darstellt; punktum.

Letztere beiden Fakten haben dann die Herrschaften der Royal Academy dermaßen gefuchst, dass sie den wahrhaft unseligen Streit losgetreten haben; und der bis heute nachwirkt, wie man an Ihnen ja sieht.

:: So, so; Herr Besserwisser, so einfach ist dies also! Angenommen, du hast Recht, so scheint mir aber deine feinsinnige Unterscheidung von Berechnungskalkül und mathematischer Theorie doch recht gekünstelt zu sein; das ist wohl letztlich dasselbe.

– Meine Galle rebelliert bis hinauf zum Schläfengeäder.

:: Also ein Beispiel; extra für Sie! Interessieren Sie sich für Fußball?

:: Prinzipiell ja; obwohl »Sport« und solches Zeug lediglich für Menschenkörper geeignet ist, so gibt es doch auch sehenswerte Phänomene dabei zu beobachten. Letztens war ich sogar einmal auf dem Betzenberg; ein gewisser Fritz Walter spielte da ganz außergewöhnlich spektakulär; es war wohl 1950 und ging um die französische Zonenmeisterschaft.

:: Na, das ist doch schon was! Nun wissen wir ja, dass der Fußball in England erfunden wurde, dort wurden ihm die ersten Regeln gegeben und zu einer Spielkultur mit eigener Liga entwickelt. Andererseits waren Deutschland und Frankreich zusammen viermal öfter Weltmeister als das sogenannte »Mutterland des Fußballs«; zum Beispiel. Wichtiger als dies jedoch ist, dass es eines Deutschen, genauer Kurpfälzers, bedurfte, um den Fußball auch philosophisch zu fundieren!

:: Jüngling, wenn du mich auf den Arm nehmen willst, erzähl ich dir nichts mehr!

:: Nein, nein; mitnichten; wie kommen Sie darauf?

Also Fritz Walter haben Sie ja schon erwähnt, und dessen Nationaltrainer war damals Josef Herberger aus Mannheim. Und der stellte im Laufe seiner Trainertätigkeit die drei nach ihm benannten Axiome des Fußballs auf:

Erstens; der Ball ist rund.

Zweitens; ein Spiel dauert neunzig Minuten.

Drittens; der nächste Gegner ist immer der Schwers-te.

Na? Noch Fragen, Opa Prometheus?

– Ein kleines triumphales Glucksen in meiner Stimme ist nicht ganz zu unterdrücken.

:: Sapperlot; ich bin beeindruckt; klingt auch nicht schlecht.

– Kopfwiegend schiebt er seine Unterlippe vor.

:: Respekt; ja, ja, meine Pfälzer mal wieder; vielleicht ist solch eine Philosophiererei ja doch zu was gut.

:: Übrigens

– nehme ich den Faden wieder auf

:: was haben der 1. Fußballclub Kaiserslautern und der erste Philosoph Heidelbergs, Herr Gadamer, gemeinsam?

:: Keine Ahnung; mach hier kein Rätselraten, ich kann notfalls alles nachschlagen …

:: Also gut; beide sind in diesem Jahr einhundert Jahre alt geworden; und leben beide noch!

:: Ach du meine Einfalt; soll das jetzt auch schon eine Leistung sein?

Im Besserwissen kann ich es übrigens mit dir aufnehmen: Zufällig weiß ich, dass dieser Katastrophenphilosoph Nietzsche vor hundert Jahren gestorben ist; womit wir in Summa dreihundert Jahre zusammen hätten, vor denen übrigens erstmals in ganz Deutschland der gregorianische Kalender eingeführt wurde.

Überhaupt diese Zeitrechnung; fangen die Chaoten doch tatsächlich bei einem Pseudo-Geburtstag an zu zählen; und nach dem jüdischen Kalender hätten wir heute den 28. Siwan 5760; von der Erschaffung der Erde aus gerechnet! Völlig unwissenschaftlich und auch unpraktisch das alles; nun denn, Schwamm drüber.

:: Was beschweren Sie sich, Sie hätten es ja amtlicherseits anders einrichten können; oder habe ich da etwas falsch verstanden?

:: Je nun, wenn es nach uns gegangen wäre, so hätten wir die erste korrekt vorhergesagte Sonnenfinsternis von Thales –585 als Ausgangspunkt, das Jahr Null, genommen. Aber leider waren wir zu spät; da hatten uns die Herren Historiker schon ausgebremst. Und im Nachhinein können wir keinerlei Entwicklung mehr abändern; wir sind strikt an die Zeitläufe gebunden; wir können höchstens versuchen, dass die Menschheit es merkt und zukünftig ändert; aber das ist mir mittlerweile auch egal.

:: Akzeptiert; was mir aber nicht so ganz eingängig ist, einerseits lassen Sie sich recht negativ über die Philosophie aus, aber andererseits setzen Sie sich mit Leibniz auseinander und nun kennen Sie sogar Nietzsche; will mir da etwa eine gewisse Widersprüchlichkeit in Ihren Ausführungen durchscheinen?

:: In gewisser Weise ja; also erzähle ich dir das auch noch:

Während der Beobachtung des Herrn Leibniz, der sich seinerseits nun einmal kreuz und quer in alles einmischte, was ihm vor die Nase kam, entzündete sich in unserer Abteilung eine lebhafte Diskussion darüber, ob, und wenn ja, wie und wo die Disziplinen Philosophie und Mathematik in die Behördenstruktur eingegliedert werden sollten. Nach dem, was ich dir schon alles erzählt habe, kannst du dir denken, dass die Historiker-Mischpoke sofort dabei war, sie bei sich eingliedern zu wollen. Dies wurde natürlich keineswegs direkt ausgesprochen!

Psyche war diesbezüglich unentschlossen; obwohl, wenn es um die Erweiterung ihrer Einflusssphäre geht, so hört man sie auch nicht nein sagen. Ich, für mein Referat, wollte das zwar im Prinzip nicht, aber alles den anderen überlassen?

So entstand also eine etwas unübersichtliche Situation, auf die mal wieder mit der Einberufung eines Ausschusses unter Vorsitz unseres Chefs reagiert wurde. Von jedem Referat wurden der Leiter samt Stellvertreter als Mitglieder bestimmt. Einige Sitzungen lang hat man dann taktiert und um den heißen Brei herumgeredet; auch wurden fleißig Protokolle angefertigt.

So etwa in der achten Sitzung wurde es mir dann zu bunt, und ich lehnte mich mit einen pragmatischen Vorschlag aus dem Fenster: Die Mathematik sollte zu uns kommen, und die Philosophie als eigenständiges Stabsreferat bei der Abteilung direkt angesiedelt werden. Dabei berief ich mich auf die guten Erfahrungen mit Aristoteles, Galilei, Newton und anderen, sowie der engen Verbindung von Mathematik und Physik bei diesen Denkern.

:: Wenn ich das schon wieder höre

– stöhne ich auf

:: ich verstehe ja, wie Sie zu dieser Einstellung kommen; die spukt doch seit eh und je hier herum; mitverursacht, glaube ich, von den bekloppten Buchhändlern und Bibliothekaren mit ihren großen Regalen und den Schildern »Mathematik/Naturwissenschaften« daran!

(...)

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|= Direkt am Fluß, dem Neckar, befindet sich das große Eingangsportal des Universitätsklinikums Mannheim, ein imposanter Repräsentationsbau aus den zwanziger Jahren. Durch das ehemalige Hauptgebäude hindurch, parallel zum Fluß ausgerichtet, wird der Besucher auf dessen Rückseite geführt, wo ihn ein kleiner Stadtteil von Metastasenbauten aller seitherigen Baustile und -epochen empfängt, und so er sich noch nicht malade fühlen sollte, ein solchartiges Gefühl schlagartig hervorgerufen wird. So auch erging es dem Helden unserer Geschichte, der seinen Weg durch dieses Labyrinth an einem sonnigen, kalten Dezembertag zu finden bemüht war. Sein Ziel war die Augenklinik im Zentrum des Areals, und dort im zweiten Obergeschoß das LASIK-Zentrum Mannheim, zum Zwecke der Behebung seiner erheblichen Myopie mit den neuesten Techniken und Methoden.

Dort angelangt, bog er in das Zimmer der Anmeldung ein und ging danach weiter zum Wartezimmer. Der Blick aus den Fenstern ergab auf der einen Seite eine Aussicht auf die Restflächen einer ruhigen alten Parkanlage und auf der anderen Seite das geschäftige Panorama von Baukränen am Rande ihrer Grube.
 

Dieser sein Termin war schon ein halbes Jahr zuvor, im Sommer, ausführlich vorbereitet worden, so daß unserem Helden die nun folgende Prozedur in den Grundzügen bekannt war. Zuerst wurde von eifriger Assistentenhand noch einmal die Hornhaut vermessen, nicht daß sie sich in den zurückliegenden Monaten umgestaltet haben würde – danach hieß es zu warten. Sodann gab es einige Vorbereitungen für die Nerven: eine Beruhigungspille, eine Schmerztablette, Augentropfen zum Erweitern der Pupille und für die Hygiene jeweils eine Plastikhaube für Kopf und Schuhe, sowie braunriechende Desinfektionsflüssigkeit im gesamten Augenbereich – dann wieder warten. Solchermaßen verunstaltet, brillenlos, quasi blind wurde er nach einer Weile von grün vermummter weiblicher Hand in den Operationsraum geführt.

Dortselbst wartete eine schwenkbare Liegestatt mit einer Aussparung am Kopfende, so daß es nach korrekter Lagerung des Heilsuchenden möglich war, per Überstreckung des Halses, die Augen senkrecht nach oben auszurichten. Nur so konnten die Augen, nach Einschwenken der Liege unter das optisch operationale Gerät, das rote Führungslicht in der Apparatur akkurat fixieren. Genauer nur ein Auge, denn das andere war mittlerweile abgedeckt worden, und das aktuelle wurde nun per Stahlklammer offengehalten, ringsum abgeklebt und auf der Hornhaut durch einen Stahlstempel mit Markierungen versehen. Dies alles von dem Operateur am anderen Ende des Mikroskopes, der nun zu einer Art Eierköpfer griff, um gemäß der erwähnten Markierungen die Hornhaut horizontal einzuschneiden. Ein routinierter kurzer Handgriff des Professors für Ophthalmologie aus Ludwigshafen. Ein massiver, kaum enden wollender Einschnitt in das Selbst des Patienten, begleitet von krampfender Zuckung der Muskulatur des rechten Ohres, des linken Armes und des rechten Beines. Ein Schmerzreflex wie etwa beim Zahnarzt, jedoch kaum begreiflich, wissen wir doch, daß die betroffene Hornhaut keinerlei Nervenverbindungen besitzt, die als Verursacher solch heftiger Reaktionen in Frage kommen könnten. Jedoch das mechanische Geräusch, das zwischen einer Kreissäge und einem Dentalbohrer angesiedelt war und welches das Schneidegerät von sich gibt, scheint schon allein auszureichen, um alle nur erdenklichen Symptome hervorzurufen. Unser angegriffener Held beobachtete derweil, wie der Operateur unter Murmeln ärztlicher Beschwörungsformeln den eingeschnittenen Hornhautlappen beiseite klappte. Durchatmen – soweit also ›in-situ‹ – und nun Einsatz des Lasers zwecks Keratomileusis. Dieses Instrument machte sich durch lautes Stakkatoklacken im hinteren Teil des Raumes, wo vermutlich die Energiezufuhrgeräte standen, bemerkbar. Im offenen Auge wurde diese Tätigkeit registriert über ein feuerwerkartiges Lichtspektakel von gelben, orangenen bis roten Punktwellen, die vom Augenzentrum nach außen verliefen; begleitet von einzelnen, unterscheidbaren weißen Einschlägen des Photonenkatapultes, das in vier Arbeitsintervallen das weiche Material verdampfte.

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© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de