Alles denkbare Licht

Frank Barsch: Alles denkbare Licht
Reiseerzählungen

Aus der Erzählung "Reise im Freistaat"
(Und einige Mutmaßungen über das Schöne)

Vierter Tag

(...)

Auf der Landkarte finden wir unser nächstes Ziel: Spitterfall. Vielleicht eine Viertelstunde. Der höchste Wasserfall im östlichen Thüringer Wald!
Und was machen wir dann?
Abwarten!
Wir sollten unsere Reise besser planen, setzt Ivo nach.
Ich weiß nicht. Gehen wir einfach nach unten bis in den nächsten Ort, wo wir uns was zu essen kaufen können, und dann nehmen wir diese Hütte da im Wald.
Und was machen wir morgen?
Morgen? Weimar!

Wasserfall. Rauschquelle. Baumschattenmittag. Die Kühle ergänzt sich mit der Hitze wie der windstille Schatten mit dem durchflimmernden Licht. Ist das jetzt Schönheit? Laublicht, Sommerleichtigkeit? Das Wassergeräusch füllt uns aus. Gleichklingender Ursprung. Ganz Wasserfall sein. Wie dringt diese Stille, die ein Geräusch ist, in uns ein? Wir sind aus Wasser. Der Körper reflektiert sein inneres Milieu. Das Geräusch ist eine Erinnerung unseres Körpers. Auf dieser Frequenz lösen wir uns auf. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir nichts weiter wollen.

Von nun an geht es abwärts. Wandern wäre, über das, was wir praktizieren, zuviel gesagt. Wir trotteln mit unseren Rucksäcken durch den Wald. In Deutschland. Altmodisch irgendwie. Bieder, vielleicht sogar spießig. Die Rocky Mountains oder der Amazonas müssten es eigentlich schon sein, wenn man die unverfälschte Natur inklusive Abenteuer erleben will. Bloß, mit dem Wochenendticket kommen wir da nicht hin.

Jeder Schritt ein Gedanke.

Wenn ein Hoch zusammenbricht, tröstet auch der anderslautende Wetterbericht in keiner Weise. Eine verdächtige Schwüle tupft die Farben von den Blüten. Blasser werdender Nachmittag auf dem staubigen Schotterwaldweg. Träumend trödeln wir unter dem einschläferndem Druck durch den Wald. Das ferne Grollen halten wir anfangs für Sprengungen in einem der Steinbrüche hinter uns. Das Grollen entwickelt sich zu Donner. Wir drehen uns um. Über den Bergrücken quält sich ein riesiger Amboss in die Atmosphäre. Scheiße, sagt Ivo und wir erhöhen die Schrittzahl. Ob die nächste Hütte, die auf der Karte eingezeichnet ist, wirklich existiert? Warum denn nicht! Ob ihr Dach dicht ist? Wo gehen wir eigentlich hin? Jetzt nur nicht die Nerven verlieren und vielleicht den falschen Weg einschlagen. Keine Panik. Wind kommt auf, heißer Wind. Wir schwitzen. Elektrische Spannung. Die Ambosswolke verfolgt uns. Der Wind steht ungünstig. Scheiße, sagt Ivo, und du hast kein Regenzeug dabei, das kann heiter werden.
Der diffuse Schatten wächst, wird langsam massiver. Die ersten Tropfen fallen in die Bäume. Eine eindeutige Warnung. Vor Nervosität könnten wir uns beim Kartenlesen vertun. Die ersten Tropfen nässen das Papier, Wind zerrt an der Karte. Ist das nun die eingezeichnete Kreuzung? Halt doch mal still! Das sagst du so leicht. Vier Wege treffen aufeinander. Müssen wir links oder nur halblinks? Der Tropfenvorhang wird dichter. Ein klarer Donner kündigt das Ende der Vorwarnungen an. Die Wolke saugt die Luft aus dem Wald, erhöht noch ein wenig die Spannung und damit die zu erwartende Niederschlagsmenge. Hoch über unseren Köpfen schweben Eiskörner, was man so alles weiß. Auf einmal regnet es, gnadenlos. Dafür staubt der Weg nicht mehr. Noch sind wir am Rand des Gewitters. Wenn unsere Sachen erstmal durchnässt sind, werden die nächsten Tage nicht besonders angenehm sein.
Der Himmel entspannt sich, murmele ich. Ivo wirft einen hektischen Blick über die Schulter und nuschelt durch die Zähne, da hinten lädt er sich aber noch etwas auf.
Jetzt hält das Wasser nichts mehr am Himmel. Die Schwerkraft hat die Feuchtigkeit wieder. Es grummelt nicht mehr, es donnert nicht mehr, es kracht, dass die Erde bebt, die Luft zerreißt. Wolkenbruch. Haben wir eigentlich Angst vor den Blitzen? Wir denken an Martin Luthers Bekehrung. Der Regen stellt Gitterstäbe auf unseren Weg. Jetzt müssten wir uns langsam für eine Gegenmaßnahme entscheiden. Nur, für welche? Der Wald schaut uns gleichgültig zu. Wir gehen weiter. Jetzt panisch loszulaufen kommt uns wohl lächerlich vor. Wir geben auf. Man muss sich abfinden können.
Hinter einer Wegbiegung am Rand einer Schonung steht ein Bauwagen mit offener Tür. Surrealistische Atmosphäre. Es gießt, pladdert, schüttet. Wir stecken den Kopf durch die Öffnung. Drinnen sitzen zwei Männer und zwei Frauen und essen.
Mahlzeit, sagen wir locker, als schauten wir ganz zufällig rein.
Mahlzeit, klingt es vorsichtig abweisend von drinnen zurück.
Wir tun, als hätten wir keine Eile. Nur keinen Stress erzeugen durch irgendeinen fordernden Ton.
Dürfen wir reinkommen, bis es aufhört zu regnen?
Die ersten Wasserschnüre baumeln an unserem Lächeln. Misstrauischer Blick? Oder mustern sie uns ganz normal. Die haben sicher sofort gemerkt, dass wir Wessis sind.
Wir stören doch nicht?
Kommt rein, es ist geheizt, sagt der Älteste. Stellt die Rücksäcke da rüber. Nein nicht da, da regnet es rein.

(...)



Aus der Erzählung "Sardische Rhapsodie"
(Inselgedanken)


Nach Süden

Mit dem täglichen Blick auf den Bildschirm wächst die Sehnsucht nach Weite. Der Alltag diktiert eine Syntax des Nutzens. Ein Konjunktiv kommt nicht vor. Am Meer ginge der Himmel jetzt auf.
Hinter dem Bedürfnis, sich zu entfernen, verbirgt sich der Wunsch nach einer Landschaft ohne Situationen, nach dem Verstummen des inneren Dialogs. Ein paar Ruinen, überwuchert in schweigsamer Hitze. Der Süden. Fernweh. Eine Form der Nostalgie. Und Nostalgie ist der Wunsch, woanders zu sein, heimatlich in einer anderen Zeit.

Abfahrtsgedanken. Das Arbeitsjahr lockert den Griff. Die aufgeschobene Beziehung kommt wieder in Gang: mit einer Berührung, mit einem Gespräch über die Träume, die an Arbeitstagen der Wecker verquirlt. Ihr Finger fährt übers Meer.
Arbatax, sagt sie und tippt auf die Küste, Arbatax sei in ihrem Traum vorgekommen. Ein vergessenes Nest. Und es fuhr nur einmal die Woche ein Bus.
Bevor es losgeht, muss sie noch schnell zum Friseur.
Meine Hektik gehe ihr auf den Keks.
Ich versuche, entgegne ich, vor der Abreise alles restlos zu erledigen. Sonst liegt hier bei der Ankunft unangenehme Post. Das ist doch klar!
Restlos erledigen, restlos erledigen, äfft sie mich nach. Das ist doch klar!
Vielleicht sind Frauen anders, denke ich manchmal und gleichzeitig denke ich, dass das gar nichts damit zu tun hat.

Der Süden benötigt verdächtig wenig Gepäck. Die Bücher sind immer das Schwerste. Man steht vor dem Regal und wählt eine Stimmung, packt die Griffe der Tasche und macht sich auf den Weg in die andere Sprache.

In der ersten Woche, das weiß ich, renken sich die Verspannungen wieder ein. Die Beziehung kommt wieder ins Lot, wir synchronisieren uns. Leider schaltet sie schneller um. Ich werde noch graue Gedanken über den Strand wälzen, wenn sie schon schwebt. Irgendwann, bald, vielleicht schon morgen, befreie ich mich.

Abendstimmung. Wir rollen aus dem Bahnhof heraus, aus der Stadt in die Landschaft. Das Septemberblau des Himmels rutscht über den Horizont in die Nacht: gelbe, rote purpurne Wolken, ein Horizont ohne Häuser. Sich an den Rhythmus der Schwalben gewöhnen. Wäre auch ein Projekt ... Und den Konjunktiv zu vermeiden.
Der Alpenexpress, schäbiger Reisegeruch, im Zug München-Neapel fühlt man sich schon wie südlich der Alpen, wie südlich von Rom. Wir setzen uns ruhig in Bewegung. Ein bayerisches Fußballfeld huscht im Flutlicht vorbei, Leuchtreklamen an der Bahnschneise der Stadt. Fenster mit Fernsehgeflacker. Eine Tankstelle in frostigem Blau, Sparkassenrot. Ein dunkler Fluss spiegelt Laternen. Die künstlichen Lichter machen die Nacht schwarz.

Hinter der Grenze verändert sich das Design der Stationen. Nur die Menschen sind gleich. Warum erfindet jedes Land so eine Kulisse, die die Ausstatter dann mit Wörtern behängen, die mit »national« kombiniert werden können?

Schichtwechsel. Fünf Minuten lang kommen und gehen blasse Gesichter. Die Schatten der Männer schleichen über den Schotter wie graue Katzen.

Im überfüllten Abteil sammelt sich über Nacht ein schlechter Geschmack auf der Zunge. Vielleicht hätte man reden sollen. Bei einem Blick in die fremden Morgengesichter ist nicht mehr zu ermitteln, wer damit anfing zu schweigen.

Wir sind übermüdet. Gleißendes Licht.
Deine Tasche ist schwerer als meine, nörgle ich.
Sonst noch was, antwortet sie.
Ich bin gespannt, was wir alles vergessen haben.
Die neue Frisur ist beschissen, sagt sie beim Seitenblick in eine Schaufensterscheibe.
Du siehst aus wie ein Wildpferd, antworte ich, und treffe prompt den falschen Ton.
Wie man über eine Frisur so verzweifelt sein kann.

Auf einem Werbeplakat balanciert ein Mann Schlagsahne auf seinem Rasierpinsel. So stellt man also Schaum dar. Die Wirklichkeit wäre zu flüchtig. Erst durch eine Übersetzung erhält sie eine halbwegs glaubwürdige Form.
Wir haben drei Stunden für Rom. Es ist warm.
Überall soviel Sehenswertes, sagt sie. Und jedem hängt ein Fotoapparat vor dem Bauch. Auf den Treppen zum Tiber treten wir auf leere Spritzen. Auch Rom scheint einen Alltag zu haben.

Civitavecchia: Kaum ist man am Meer, blüht das Licht auf. Der Druck weicht vom Kopf. Die Wärme schmeichelt uns mit einer leichten Brise. Wir streiten nicht mehr. Oder haben wir uns nichts mehr zu sagen? Oder ist das Erschöpfung? Wasser plätschert am Kai. Das Geräusch macht uns ruhig. Wir schauen ins Wasser, und wenn uns jemand fragen würde, was wir betrachten, hätten wir keine Antwort. Nichts, würden wir murmeln. Abwesend sein in uns selbst.

Die Fähre holt ihre Taue ein und vibriert in den Abend. Der Alltag bleibt auf dem Festland zurück. Um uns nur noch graublauer Himmel und graublaues Meer. Um weg und mitten in dieser Übereinstimmung zu sein, darum fahren wir auf eine Insel. Das Meer reflektiert, wie der Himmel verblasst.

Über dem schwarzen Wasser reichen die Sternbilder bis an den Rand. Die Erde ist flach. Sternschnuppen stürzen mit unseren Wünschen ins Meer.

(...)


Kreise

Der Bus schraubt sich an einem Bergmassiv hoch. Neben der Straße stürzt die Schlucht ins Bodenlose. Ist dieses Gefühl für den Busfahrer alltäglich? Waren wir eben nicht noch am Meer?
Der Blick ist gigantisch: die Weite, die Tiefe, in der Ferne die Monti del Gennargentu.
Wenn wir wieder zuhause sind, wird uns jemand, der auch auf Sardinien war, erzählen, dass es fünf Kilometer weiter, etwas höher, einen Blick gibt, der viel traumhafter ist und dass jemand, der das verpasst hat, eigentlich gar nicht auf Sardinien war.
Der Ort hält nichts für uns bereit. Es ist Mittag, feuchtwarme Luft drückt sich in die ausgestorbenen Straßen. Die unwirkliche Nachmittagspause, als stecke die Zeit in der Schwüle fest. Vielleicht fährt irgendwann doch noch ein Bus zurück. Über den gegenüberliegenden Bergkamm quält sich ein dunkles Grau, das Wetter des kommenden Tages.

Man sollte ihr den Spiegel wegnehmen. Sie glaubt, sie sehe nach nichts aus. Die Frisur sei katastrophal. Dafür habe ich zu dünne Beine.

Beim Streiten kommt man sich näher und entwickelt sich noch. Sie sagt, solange ich mich nicht von ihr trenne, sieht sie keinen Grund, sich von mir zu trennen.

Du solltest dich ändern.
Warum bist du mit mir zusammen, wenn du willst, dass ich mich ändere?
Manche Sachen gehen mir auf den Geist.
Dann verstehe ich nicht, warum du mit mir zusammen bist?
Mit dir kann man nicht vernünftig reden. Du bist zu stur.
Und du willst, dass ich so bin, wie du es gern hättest.
Das ist was Anderes. Vielleicht sind wir zusammen, weil das nie eintreten wird. Es gibt etwas, auf das wir hinarbeiten können. Eine unendliche Annäherung.
Wir? Du meinst du. Von mir aus kannst du bleiben, wie du bist.

Ist für die plötzlich massenhaft auftretenden Eintagsfliegen dieser eine Tag Alltag?

Von der Schwüle werden sogar die Lehnen der Plastikstühle klebrig. Abends bekommt man durch die anrückenden Mücken die Ahnung von einem Malariagebiet. In der Nacht werden lautstark ein paar Katzen gemacht. Das Gewitter hinterlässt Phantombilder auf der Netzhaut.
Am folgenden Tag nimmt uns der Regen jede Entscheidung ab. Selbst im Grau strahlt der Mittelmeerhimmel Geborgenheit aus.
Der Wind bläst die Wolken auseinander. Wir stehen auf dem Grund des Himmels. Gläsern klirren die Kiesel. Wir sind Korken auf den Wellen, treiben in einer blauen Brandung, bis der Abend dem Meer seine Farben wegnimmt.

Nach einer Woche beginnen die Träume. Das Bewusstsein hat Ausgang.

Wenn man denkt, jetzt sofort alle Projekte zu Ende bringen zu können, wenn man sich wieder fühlt wie ein Pfeil auf der gespannten Sehne, hat der Urlaub dann seinen Zweck erfüllt? Oder was?

(...)


© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de