99 minimale Geschichten

Wolfgang Gast: 99 minimale Geschichten
Kurzprosa

Aus der Erzählung "Ploks Wandlung"



Plok, aufgeschreckt

Plok, in seinem neununddreißigsten Jahr, trifft einen fast vergessenen Bekannten, der ihn erkennt und fragt: Und was bist du? Plok weiß auf Anhieb keine Antwort als jene, für die er sich später schämen wird: Angestellt bei der Sparkasse, Berater für bessere Geldanlagen, noch immer verheiratet mit Edda, der Apothekerin. Über mich, denkt Plok, gibt es sonst nichts zu sagen?

Plok, entschlossen, sein Leben zu vergrößern, verlässt am Morgen das Haus eine Viertelstunde früher als seit Jahren, nimmt den früheren Bus, steigt eine Haltestelle vor dem Ziel aus und geht zu Fuß weiter, begierig auf eine Begegnung, erreichbar für jedes Wunder: Komme, wer oder was da möge.

Ein Unbekannter spricht Plok auf der Straße an, die gewöhnliche Frage nach dem Bahnhof. Ich komme mit, sagt Plok, es ist nicht weit. Zehn Minuten Bedenkzeit, ob er auch in den Zug einsteigen werde.

(...)


Plok hält für möglich

Plok entkleidet sich ohne Hast, mit Seitenblicken hinüber zu Edda, die schon im Bett liegt, die nackten Arme hinter dem Kopf verschränkt, ihr Gegenblick ruht auf Plok, ihr Lächeln kommt ihm eher ironisch vor, als dass es irgendein schöneres Gefühl ausdrücken würde, und Plok überlegt, woran sie denke, an was oder wen; Fragen nach dem Was hat er seit Jahren aufgegeben, aber neu ist ihm die freilich leere Vorstellung, Edda denke an jemanden, nach dem zu fragen er sich nicht erlauben dürfe.

(...)


Plok wird tätlich

- Ich bin Plok. (Noch Plok, denkt er für sich.)
- Ich bin Sabrina. Zieh dich aus.
- Wir könnten miteinander reden. (Plok entkleidet sich, legt sich auf die Couch, sucht ihren Blick.) Was denkst du? Ich meine: Gedanken, die dein Leben bestimmen.
- Ich denke nach. Über Archiv und Existenz.
- Was heißt das?
- Meine Doktorarbeit. Wie verträgt der Existenzbegriff sich damit, dass wir Archive anlegen.
- Ich verstehe. Zu existieren, ist etwas Lebendiges. Archive sind totes Material. (Plok ist überrascht von seinem Einfall und neigt dazu, sich zu bewundern.)
- Auf den ersten Blick, ja. Aber die Existenziale sind komplexer ... Ein Existenzial? Ist ein Wesenszug des Seins. Zum Beispiel das Sein zum Tode. Der Tod zeitigt das Sein. Es läuft ihm entgegen, so blindlings, wie die Zeit vergeht; wir müssen nichts dafür tun. Aber wir tun etwas dagegen. Wir archivieren, heben auf. Paradoxerweise eine Lust des Todestriebs ... Freud. Das Verlangen, Lebendiges in Lebloses zu verwandeln.
- Vielleicht – sollten wir doch lieber ... (Plok zögernd.)
- Wie du willst. Für das Gespräch 50 extra.
- So viel?
- Ist dir ein Gespräch weniger wert als das Übliche?



Beobachtung

Aus Krakos Tagebuch. – Vor der Buchhandlung am Seegarten. Zuerst dachte ich, der Kerl will ein Buch aus der Billigkiste stehlen. Auffällig unauffällig, wie er sich verhielt. Er blätterte in zwei, drei Bänden. Warf Seitenblicke. Ich erschien ihm unverdächtig, so vertieft in das Schaufenster der Apotheke nebenan. Ich sah, dass seine rechte Hand leer in die Manteltasche fuhr. Mit schneller, geübter Bewegung zog sie ein Buch hervor. Schob es unter das aufgeschlagene Buch, das der scheinbar Lesende in der linken Hand hielt. Und stellte zwei Bücher wie eines in die Kiste zurück. Ich war unentschieden: den Täter verfolgen oder das eingeschobene Buch kaufen? Er schlenderte davon, ich zur Buchhandlung hinüber, glaubte die Stelle mit dem Einschub zu erkennen und zog einen Band heraus, Titel: Angehäuft. Gedichte. Autor: Einer (nie gehört, den Namen). Ich betrat den Laden. Der Buchhändler sah das Buch und fing an zu heulen wie ein Schlosshund. Fällt es Ihnen so schwer, sich von diesem Stück zu trennen, fragte ich ihn. Er schüttelte den Kopf, versuchte zu sprechen. Ich schenke es Ihnen, schluchzte er endlich. Danke, sagte ich und ging, um den armen Mann nicht mit Fragen zu quälen. Erklären kann ich mir die Geschichte nicht.

© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de