FlussAuf FlussAb

FlussAuf FlussAb
Literarisches TreibGut aus der Metropolregion Rhein-Neckar


Wiebke Hartmann

Das Reich meines Königs

 

Dort oben liegt es, ich sehe es schon von der Neckarbrücke aus über den anderen Häusern. An der Kirche muss ich scharf rechts abbiegen und den Berg hochfahren, eine Straße, die meine Kinderfüße jeden Schultag hinunter und wieder hinauf laufen mussten. Vor dem Abzweig in den steilen Sackweg pflegte mein Vater zu wenden, um die letzten zweihundert Meter rückwärts zu setzen und so das Auto in die enge Einfahrt hinein zu manövrieren. Es mag an die fünfundzwanzig Jahre her sein, dass ich es ihm nachgemacht habe, aber es gelingt mir noch immer.

Unter mir befindet sich das Haus mit seinen spitzen Giebeln und der Dachgaube zum Wald hin. Der Garten ist in einem leicht verwilderten Zustand. Beim Aussteigen heißt es aufpassen, um nicht den Hang hinunterzufallen. In der Tiefe des Tals, dessen volle Sicht mir das Haus verdeckt, blinkt das Wasser des Flusses. Meine Füße springen schon die gewohnten Sandsteintreppen hinunter. Ich brauche nicht das verrostete Gittertor zu öffnen, einst angebracht, um den Hund der Familie daran zu hindern, in den Wald zu laufen. Es steht weit offen, einladend, es ist niemand mehr da, den es am Fortlaufen hindern könnte.

Der Schlüssel lässt sich nur unter Kraftaufwand im Schloss drehen, die Haustür ist schwer. Rechts die Holztreppe mit ihren Stufen, die vom Zahn der Zeit und unseren Füßen blank poliert sind, geradeaus der Flur mit seinen dunklen Fliesen, auf denen der Staub sofort auffällt.

Schon stehe ich in den vertrauten Räumen, die nur noch spärlich möbliert sind. Wie banal alles wirkt. Und so viel kleiner als in der Erinnerung. Ich sehe den Esstisch, ehemaliger Mittelpunkt für Spiele, Schulaufgaben, Mahlzeiten, Streitereien, ich vermeine, den Nachhall unserer Stimmen zu hören. Auf dem Sofa liegt meine Zeitung lesende Mutter, die sich dort nach der Arbeit auszuruhen pflegte. An Fasnacht verwandelte meine Schwester das Möbel in ein Piratenschiff, das auf hoher See schwankte, bis es tatsächlich umkippte. Es stört meine Phantasien kaum, dass es nicht mehr dasselbe Sofa ist, aber es steht an der gleichen Stelle.

In der ersten Nacht, die ich im ehemaligen Bett meiner Mutter verbringe, träume ich von einer Art Kraftwerk in Gestalt der heimatlichen Landschaft. Wie ein Tier oder eine Pflanze auf der Suche nach Nahrung strecke ich Fühler und Wurzeln nach ›Heimatlichem‹ aus. Morgens wache ich auf und tappe barfuß über die kalten Fliesen ins Wohnzimmer. Die Aussicht aus dem großen Fenster war im Sommer stets umrankt von blau blühenden Glyzinien, die mein Vater so liebte. Ich konnte stundenlang hier stehen und hinunterschauen, sobald ich groß genug war, das Fensterbrett zu erreichen. Gegenüber liegt der hohe bewaldete Berg mit seinen drei Sendemasten auf der Spitze, die nachts rot blinken wie die Augen eines sonderbaren Tieres, der Königstuhl. Das Reich dieses Königs liegt mir zu Füßen: Kirchtürme und rote Dächer, der Strom mit seinen Lastkähnen und Schleppern und im Sommer mit weißen Ausflugsdampfern, die Brücke und die Straßen am Ufer, auf denen sich Autos, Mopeds, Radfahrer und Fußgänger bewegen, auf der gegenüber liegenden Hangseite die Bahnlinie mit Güterzügen und den Triebwagen des Nahverkehrs. Das silberne Band des Flusses tritt links aus der Talbiegung heraus und zieht sich nach rechts zur Öffnung der Berge und zum Horizont hin. Dort, wo im Sommer die Sonne untergeht, befindet sich die Stadt, von der ich als Kind nur weiß, dass in ihr meine Eltern arbeiten.

In meinen ersten Lebensjahren ist das Haus wie eine Außenhaut meines Ichs. Ich erkrabbele, erlaufe und erkunde es, taste Wände und Tapeten ab, über die die Sonne zuweilen ihr eigenes Schattenmuster wirft. Klettere die Treppen hinauf und hinunter, krieche in die nach Mottenkugeln riechenden Holzschränke mit alten Mänteln und Pelzen, in Wanduhren, die sich öffnen lassen, in Abstellkammern unter den Dachschrägen, die Spuren einer mir unbekannten Vergangenheit enthalten: Spazierstöcke, die keiner mehr braucht, alte Koffer wie der einer verstorbenen Tante aus Lissabon, Gegenstände, deren Verwendungs­zwecke mir fremd sind.

Alles wird untersucht und nichts entgeht mir, auch nicht vom Treiben im Haus. Wenn in der Küche Geschirr und Töpfe klappern, dauert es nicht mehr lange bis zur nächsten Mahlzeit. Tabakrauch lässt auf die Nähe meines Vaters schließen, der Duft nach Parfüm ist ein Zeichen, dass meine Mutter sich zum Ausgehen fertig macht. An der Heftigkeit ihres Öffnens und Schließens der Türen, der Tonlage ihrer Stimmen, ihrem schnellen oder langsamen Gang, ihren leisen oder harten Schritten, lerne ich die Befindlichkeiten meiner Familienmitglieder einzuschätzen.

Meine Streifzüge umfassen bald auch den Garten. Ich erforsche die Brombeerwildnis am Steilhang, deren mein Vater trotz seines alljährlichen schweißtreibenden Kampfes nie Herr wird. Sie ist mein Dschungel, in dem ich mich unsichtbar mache, unerreichbar für alle Rufe. Dort gibt es sonderbare Tiere: Eidechsen und Blindschleichen, die ihren Schwanz verlieren, wenn man nach ihnen hascht. Gelbschwarze Feuersalamander, die aus der feuchten Wiese des Nachbarn krabbeln, Schnecken, die ihr Haus mit sich tragen und eine schleimige Spur ziehen.

Der Berg von gegenüber beherrscht meine Aussicht, wo immer ich bin, ob drinnen oder draußen. Mit meinem König wache ich über das Tal. Wenn ich nachts oder bei erzwungener Mittagsruhe im Bett liege, aber nicht schlafen kann, erzählt mir das Tuckern draußen, dass sich ein Lastkahn stromauf oder -abwärts bewegt. Beim Ausrücken der Feuerwehr gelingt es mir dank ihrem Tatü-Tata und seinem Echo zwischen den Bergen zumindest ungefähr die Unfall- oder Brandstätte zu verorten. In den späten Abendstunden halten mich die Züge wach, die vorbeidonnern, deren Nahen sich durch Fensterklirren ankündet. Aus dem Laut und Leise des Vogelzwitscherns und dem Auf- oder Abschwellen des Verkehrslärms weiß ich die Tageszeit zu bestimmen. Wenn in der Frühe beim Aufwachen die Töne von draußen nur noch gedämpft zu vernehmen sind und das Licht ungewohnt hell wirkt, errate ich, dass es über Nacht geschneit hat und der Gipfel des Königstuhls mit den rot funkelnden Lichtern weiß sein wird.

(...)

 

Jobst Schöner

Der Schandfleck

 

Ich war sechzehn Jahre alt und auf der Suche nach einer Lehrstelle. Die bekam ich in Mutterstadt und eine Schlafstelle in Mundenheim, sechs Jungen in einem Zimmer auf fünfzehn Quadratmetern.

Es gab die Baggerlöcher zum Schwimmen und es gab Feste mit Blasmusik ganz ohne Verstärker. Ich fand einen Platz an einem Tisch mit fünf etwas betagten Damen, die mich sogleich unter ihre Fittiche nahmen: ›Tanzen?‹ – Das konnte ich nicht. Für die netten Damen war das kein Problem. Ich wurde zum Walzerrhythmus durch den Saal geschwenkt und anschließend an die nächste weitergereicht. So lernte ich an einem einzigen Abend das Walzertanzen. Das war 1951.

Neun Jahre später habe ich ein Mädchen, eine echte Kurpfälzerin, kennen gelernt. Ich fühlte mich glücklich, sie schien es auch zu sein. Ihre Eltern hatten mich akzeptiert, die übrigen Onkels und Tanten auch. Jetzt sollte ich dem Familienoberhaupt vorgestellt werden, dem Großvater, auf Pfälzisch »demm Vadder«. Wo? In einem Maurerdorf, zwischen Heidelberg und Schwetzingen.

Der »Vadder« war bettlägerig. Tante Liesbet sagte zu mir: »Dass des wescht, de Vadder heerd schlecht un is nicht ganz bei sich.«

Nach dieser Ansprache führte sie mich an sein Bett und sagte mit sehr lauter Stimme: »Vadder, da ist der, wo mit de Ingrid geht.« Ohne dass der Vadder sich rührte und mich richtig ansah, kam es mürrisch aus ihm heraus: »So, das is der, wo die Ingrid bussiert.« Nach einer Pause, sehr verächtlich, »A son Fremme.« Auf Deutsch: »Auch so ein Fremder.«

Liesbet wieder sehr laut und deutlich: »Vadder, du kannscht em ruich ä Hann gebbe.« Sachte erhob sich seine Hand ein wenig von der Bettdecke. Ich erfasste sie, und hatte das Gefühl, einen toten Hering in der Hand zu haben. Mein »Aufwiedersehen« schien er nicht zu hören. Das war’s dann auch schon, mit demm Vadder.

In der Küche wurde Hochdeitsch auf Kurpfälzisch geredd und umgekehrt. An der Wand über dem Küchenherd befand sich ein Frühstücksteller-großer dunkler Fleck.

»Ach, des is de Schandfleck«, meinte Tante Liesbet, »Des is ä alde Gschicht.«

 

(...)

 

Birgit Heid

Nachmittag

 

Seegras büschelt fiedrig zwischen Reihen

Endloszeilen; blaue Bahn der Berge

scheint verglast. Die breiten Löwenzwerge

sind die hundert Bodensonnen, leihen

 

Pusteblumen heut dem Vollmond Bilder.

Eine Katze lauert unentwegt

am hohen Gras. Und alles wird bewegt

die Nessel, Butterblume, Veilchen, wilder

 

Schnittlauch und der Milchstern. Das Kanäl-

chen plaudert wieder und die Kirschen stehn

bereit. Eine Taube musst vergehn.

 

Der rein gedresste Gärtner hat die Pfähl

schon eingepflockt und seine liebe Frau

ruft ihn zum Kaffee – Beerentorte blau.

 

Andrea van Bebber

Spazieren

 

jeden Tag entwischt er

seinem Heim im Nacken

Kopf und Zunge hängen

Rücken auf gerader Linie

zur kaputten schiefen Straße

alt wie er die Plöck

fast verschwunden

links die letzte Metzgerei

rechts dagegen

Hintereingang Kaufhof

breit durch Hektik

schnelles Fahrrad-Zick-Zack

weiter vor zum Bismarckplatz

unter Gaffer Helfer Ignoranten

Hände hängen am Gestell

Räder in den Straßenlöchern

knapp vorbei an Autolacken

Füße schleifen hinterher

auch die Hose auf dem weichen

Fleisch kann sich kaum noch halten

 

Doch aus den Augen bunte

Glasmurmeln im Regen

springt ein Schalk nach oben

streckt uns frech die Zunge raus

 

Rolf Unterfenger

Flusswind

 

Fahnen schlagen an

Mast Windstürme

bläuen Wellen gegen

den Strom

 

Dreiecksdrachen knattern

bunt in Kreisen

sphärischer Geometrie

braune Blätter rollen

des Weges

 

Baumgeäst wirft wild

sich und Blätterwerk

Vögel bleiben am Boden

einsamer Neckarsurfer nimmt

Fahrt auf quer

zum Fluss

 

Ingrid Samel

Die Kanalsanierung

 

Gewiss hatten die Neudorfer ein Problem, ein Frühlingsproblem, um genauer zu sein. Dann nämlich, darauf wiesen die Bürgerinnen, die Bürger und die Parteien den Bürgermeister der Kreisstadt schon lange hin, wenn die Schneeschmelze des Odenwalds mit dem Wasser des Baches zusammenlief, rauschte die volle Wucht in den Kanal hinein, brodelte im offenen Dorfbrunnen, wurde wieder in Rohre gefangen, konnte sich weiter unten nicht mehr darin halten, und was dann kam, das schilderte ein Anwohner so: Nicht nur, dass die Straße überschwemmt war, die Kanal­deckel sprangen hoch, und man fuhr durch fließendes Wasser, das nun vor dem Ortseingang eine derartige Geschwindigkeit entwickelt hatte, dass das Auto abgedrängt wurde und sich womöglich noch auf der unteren Wiese überschlug. Auch dass dem Ölunternehmer, dessen Tanks dann unter Wasser standen, gelegentlich das eine oder andere Leck in die Anlage schlagen könnte, war nur noch eine Frage der Zeit, eine ökologische Katastrophe, klare Sache, das musste vermieden werden, und so konnte es nicht weitergehen. Schließlich schilderte der Ortsvorsteher, der sich sehr für Neudorf engagierte, dass nur noch der städtische Unimog im letzten Jahr durch das Wasser gefahren war, ohne von der schnellen Fließmasse am Ortseingang abgedrängt zu werden, die Neudorfer hatten die Autos weit unten im Tal stehen lassen müssen.

Der Bürgermeister, der zuständigkeitshalber aus der Kreisstadt angereist gekommen war, stand auf und sah sich in der Runde um.

»Es ist bekannt«, sagte er, »dass es so aussieht im Frühjahr. Seit Jahren wissen wir das. Aber jetzt gibt es eine gute Nachricht: Die Gelder für die Kanalsanierung sind bewilligt. Ab sofort kann mit den Arbeiten begonnen werden.«

Die Anwesenden klatschten Beifall. Zufrieden setzte er sich.

»In Ordnung, einverstanden, wunderbar«, warf der Sailer ein, der Rechtsanwalt in Neudorf war, »nur dass wir jetzt November haben und das Wetter immer schlechter wird.«

»Alles durchdacht«, antwortete der Bürgermeister. »Wir müssen in diesem Jahr noch anfangen, sonst gehen die Gelder zurück nach Stuttgart. Wenn der Winter kommt, machen wir die Baugrube einfach zu. Dann können die Leute dort wieder durchfahren.«

»Meine Herren, es sind Landesgelder«, bekräftigte der Ortsvorsteher. »Wir müssen eine Katastrophe verhindern, die Rohre fassen im Frühjahr zu wenig Wasser. Es müssen schnellstens größere her.«

Die Anwesenden nickten einstimmig.

»Dann sind wir uns also einig«, sagte der Bürgermeister, »der Kanal wird saniert, die neuen Rohre werden verlegt.«

Der Ortsvorsteher dankte dem Bürgermeister, dass er persönlich die gute Nachricht überbracht hatte, beendete die Sitzung auf freundliche Art und begleitete alle hinaus.

Draußen warteten der Sailer, der Rechtsanwalt war, und der Arzt auf ihn. »Du weißt, dass die Gelder ins nächste Jahr geschoben werden können«, sagte der Sailer, »und wir kommen in den Winter.«

»Ach was«, antwortete der Ortsvorsteher, »sei nicht so ängstlich. Karl, du weißt, wenn wir’s jetzt nicht machen, dann dauert’s immer länger. Der Bürgermeister lässt sich darauf nicht ein.«

»So«, meinte der Sailer, »der wohnt doch unten in der Rheinebene. Das ist dem doch egal, ob wir mit dem Schlitten fahren oder mit dem Auto.«

 

Die Bauarbeiten begannen in der folgenden Woche. Zuerst kam die Absperrung. Direkt hinterm Ortsschild, gleich beim ersten Haus. Und auch auf der anderen Seite, am Dorfausgang und mitten in der Linkskurve wurde quer über die Landstraße bis zur Mitte hin eine Planke gezogen. Die Neudorfer sahen’s und wunderten sich, wie schnell der Beschluss, der gerade eben ruchbar geworden war, umgesetzt wurde. Sie fuhren jetzt die Umleitung, jagten ihre Autos nach dem Start mit kaltem Motor den steilen Berg hinauf, um dann über die Wilhelmshöhe in scharfen Kurven abzufahren. Es war der einzige Weg in die Ebene.

Drei Bauarbeiter fuhren im Dorf derweil schweres Geschütz auf, einen Bagger, einen Presslufthammer, einen Lastwagen. Mütter gingen hin und besichtigten mit ihren Kindern die Baustelle, riefen Ahs und Ohs, und die Kleinen klatschten vor Freude über den Bagger in die Händchen. Auch andere Bewohner besichtigten von nun an jeden Morgen die Baustelle, bevor sie los mussten.

Für die Jahreszeit war es sehr warm, und es regnete. Murrend fuhren die Neudorfer die Umleitung. So manch einer ärgerte sich mit jedem Kilometer mehr über die Zeit, die das verschlang, und fuhr immer öfter mit Wut.

Die Bauarbeiten gingen schleppend voran. Die Anwohner konnten dem Lärm kaum ausweichen. Als plötzlich Ruhe einkehrte, ging der alte Malermeister zur Baustelle, um nachzusehen. Ein Bauarbeiter stand in der Grube und schaufelte Schaufel für Schaufel heraus. Die beiden anderen standen oben, auf ihre Schaufeln gestützt.

»Habt ihr nichts zu tun?«, rief der Alte empört. »Was steht ihr hier so faul herum?«

»Höhö, mal halblang«, sagten die zwei, die sich auf die Schaufel gestützt hatten.

Der Alte lief in die Praxis. »Hast du das gesehen!«, rief er, kaum dass der Arzt die Tür hinter ihm geschlossen hatte. »Der eine arbeitet, die zwei anderen sagen ihm, wie’s geht!«

»Im Tiefbau geht es nun mal langsam voran«, antwortete der Arzt. »Aber lass mal, ich werde nachfragen.« Er rief den Ortsvorsteher an.

»Es können nicht mehr Leute eingestellt werden«, antwortete der, der Bauunternehmer habe ausrichten lassen, er müsse wirtschaftlich arbeiten. Noch mehr Leute seien zu teuer, habe er gesagt, was die Dörfler wollten, er müsse sich schließlich an seinen Kostenvoranschlag halten. Es gehe ja voran, vielleicht etwas langsamer als mit mehr Arbeitern, aber das müssten sie in Kauf nehmen, wenn’s billig sein sollte.

(...)

 

Bojan Dimov

Eigentlich wollte ich weiterziehen

 

Sie wirkten wie Nadeln, die versuchen zu leuchten. Schon in den frühesten Wochen meines Lebens drangen sie zu mir vor. Doch sie mussten durch diese dicke Schicht hindurch. Waren es Sternschnuppen aus warmen, harmonisch klingenden klassisch-barock-romantischen Melodien? Nein, meine Nadeln versendeten disharmonische Wellen, jedoch nur für Bruchteile einer Zeit.

In den ersten neun Monaten, als es um mich herum noch ganz dunkel war, erreichten sie mich immer mehr. Länger. Anhaltender. Disharmonische Sequenzen, gleich einem Nadelkissen, und das über viele Stunden täglich, besonders vor Konzertauftritten der Pianistin. Die disharmonischen Sequenzen fußten in Kompositionen von Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern. Ich hörte auch französische Impressionisten wie Claude Debussy, natürlich ohne zu begreifen und ohne zu wissen, dass der zweite Weltkrieg schon lang zu Ende war, dass sowohl meine Mutter als auch Debussy Avantgardisten waren.

Nur eine Hand entfernt von mir baute die Pianistin in diesen neun Monaten ihre kryptisch klingenden Türme auf. Sie hämmerten an das Äußere meiner beschützenden, körperlichen Dunkelkammer. Ich klopfte gegen die Wand, doch es war zu leise. Meine Mutter konnte mich nicht hören. Sie hörte auf die Klangkrypten, die sich als schleichende, menschlich getaktete Tentakel anboten. Und doch nur im taktlosen Nirwana, da sie nahezu frei waren von etablierten kompositorischen Gesetzen. Meine Emotionen wollten sie berühren. Sie blieben aber schallend fremde Körper, isolierte Transporter ohne Wege. Sie lieferten mich einem frühen Antagonismus aus. Einerseits emotionalen Urbedürfnissen und andererseits neuen isolierten, beinahe molekular strukturierten Klangrealitäten.

Zeitraffer: Klatschen, Lungen befüllen sich, ach ja der Kleine nun schon ein Jahr, jetzt aber, nana, ich war auf die Welt gekommen und rasch erwarb ich in frühester Zeit erste motorische Fähigkeiten. Mit zwei Jahren bewegten sich meine Füße immer weiter. Eine Konzert- und Produktionsreise in die ewige Stadt füllte Terminkalender und Wochen der Pianistin. Eine Produktion im italienischen Rundfunk stand auf dem Programm.

In Rom. Die letzte Tür des Produktionsraumes ging zu. Technische Anlagen, neue Tentakel aus Kabelschlangen warteten auf das Schallkonzert avantgardistischer Musik. Die Optik erdrückte, ja verjagte mich aus dem Produktionsareal, bevor die Türe ganz geschlossen war.

Und dann lief ich. Schneller und schneller enteilte ich den für mich physisch-sichtbaren wie akustisch-kryptisch fühlbaren Tentakel des Zwölf-Ton-Alphabets. Ich suchte eine harmonischere Freiheit, die zuallererst in meinem Eilschritt lag. Sie wollte mich von den kryptischen Fesseln für Auge und Ohr befreien. Die späte Aprilsonne war nur bestrebt, mir den Weg zu verbrennen, statt ihn mir hilfsbereit zu weisen. Heiße Betonplatten unter den fliegenden kleinen Sohlen, umso begehrter war der Strand. Das Meer bei Rom. »Komm zurück!« so hallte der fliegende Rock im Telegrammstil. Nachhallende Rufe wurden von der stürmischen Meeresluft zerschnitten. »Komm hierher. Wirst du wohl! Bitte komm zurück! – Zu...rück ...« – Wachsendes Rauschen der römischen Küstenbrandung schluckte die Rufe der Pianistin und löschte frische Erinnerungen. Am Horizont, weit hinten, wollte die Pianistin nicht größer werden. Wie ihr fragmentarisch, beinahe avantgardistisch schallender Ruf.

Ich entführte meine Mutter von ihrer Aufnahmeproduktion in Rom. Vom Zusammenspiel mit den Fagottisten. Zwei Cellisten. Einer Bratschistin. Einem Pauker. Dem Dirigenten. Dem Aufnahmeproduzenten und dem Techniker. Die künstlerische Ebbe toste hör- und sichtbar heran. Bis dahin mondleuchtende, weil pragmatisch emanzipierte, einzig künstlerisch strebende, menschliche Kälte wird erstmals erwärmt. Sie keucht heran und ergreift meine Hand. Oder ich ihre. Später erzählte sie mir davon und von vielen Kilometern, die wir dann zusammen langsam gingen. Dann standen wir wohl und sie erzählte später auch von dem leisen Blick auf das zurückgewichene Meer. Danach zurück, die fünf Kilometer, der gemeinsame Spaziergang gegen die ansteigende, ligurische Flut.

(...)

Peter Metz

3000 Sekunden

 

Der Rheinauer Wald ist ein beliebtes Naherholungsgebiet mit schätzungsweise 270 000 Bäumen, also annähernd so vielen, wie die Stadt Einwohner hat, davon viele dunkle Kiefern, dazu mehr als 42 Kilometer Fußwege auf einer Gesamtfläche von 241 ha. Im Vorbeigehen versuchte Hörb, die parallel stehenden Reihen von 4 oder 5 oder 6 Bäumen auf einmal zu zählen. Da sich die Reihen im Vorbeigleiten perspektivisch ineinander verschoben, verlor er aber schnell den Überblick. Manchmal schaute ihn ein Reh an, denn im Rheinauer Wald gibt es auch ein Tiergehege.

Die Stunde hat 3600 Sekunden oder 2304 Becher, die Pause hat 600 Sekunden, Hörb hatte sie alle gezählt.

Und an der Wand von Hausnummer 37, direkt unter den Erdgeschossfenstern, standen 3 Worte mit insgesamt 11 Buchstaben an der Wand. Diesen Worten versuchte er durch den Weg zur Frühschicht oder zu den mehr als 42 km Fußwegen im beliebten Naherholungsgebiet zu entkommen.

Dieser Wald hatte mehr Bäume als diese Stadt Frauen, wie ja auch in Deutschland so viele Bäume wachsen, wie auf der Erde Menschen leben. Menschen begegnete man in diesem Wald nur selten, beliebt war doch ein sehr relativer Begriff, bezogen auf Naherholungsgebiete und ihre Benutzer im Verhältnis zu ihren Bäumen, so wie es ja auch jeden Morgen, Mittag, Abend, jede Nacht, so viel mehr Becher gab als Arbeiter in der Fabrik, als Hände, die nach ihnen griffen, als Menschen auf der Welt, so schien es ihm, und doch wurde nur für Süddeutschland produziert. Überhaupt gab es so viel mehr Dinge als Menschen. Autos zum Beispiel, das war ihm schon als Kind aufgefallen, Autos waren immer mehr auf der Straße als Menschen, wenn er aus dem Fenster sah, und man konnte sie gut zählen, wenn sie parkten und auch wenn sie fuhren, weil sie so etwas Gradliniges in der Bewegung hatten, nicht so wie die irrlichternden Menschen. Aber am meisten hatte ihn an diesen Menschen schon immer die Unzahl von Worten gestört, die aus ihnen hervorblubberten, unstrukturiert, beliebig. Das hatten ihnen Becher und Sekunden voraus, die kamen sicher, wie sie sollten, eins nach dem anderen, wie jeder Schritt auf 42 Kilometer Fußwegen, außer wenn die Maschine eine Störung hatte, aber würde er nicht mit Worten überschüttet, könnte er ohne Probleme die 600 Sekunden seiner Pause herunter zählen, und so genau wie die Uhr zurück an seinem Platz sein, ohne ein Wort zu sagen, plötzlich, lautlos neben dem Ablöser stehen, der würde einen Platz am Band weiterrücken und den oder die Nächste ablösen, sodass wieder 600 Sekunden Pause genommen würden, und das 5 Mal, einschließlich des Ablösers selbst, sodass jeder von ihnen 3000 Sekunden arbeiten und 600 Sekunden pausieren würde, wobei es nicht alle so genau nahmen wie er. Mehr eine Frage des Ausgleichs, dachte Hörb. Alles eine Frage des Gleichgewichts zwischen den Dingen der Welt und den Worten und den Zahlen, das einfacher herzustellen wäre ohne die Worte. Immer wieder brachten die Worte das Gleichgewicht aus dem Gleichgewicht, zum Wanken.

Bei den Bechern draußen, unterm Klopfen, Klingen, Kleppern der Maschinen herrschten die Zahlen, waren Worte überflüssig, unmöglich, wurden nur gelegentlich als Taktierung des Ablaufs, ohne Sinn, durch die Luft gebrüllt, unwichtig, wertlos. Er wusste, er selbst geriet aus dem Gleichgewicht, wenn er Worten wie den dreien an der Hauswand zuviel Gewicht beilegte. Dann maß er auch den Schritten plötzlich zu viel Wert zu. Dann lenkte er sie auf besonders menschenarme Fußwege, dann taxierte er einige besonders starke, große Bäume.

Am Fließband zählte er wahrscheinlich auf 3000 und wartete dann auf die Ablösung, jedenfalls zählte er nur und erzählte nie. Vielleicht zählte er auch die Becher, runde Margarinebecher, von 500 oder 250 Gramm, wobei Letztere unbeliebter waren, weil davon mehr in der gleichen Zeit kamen. Mit der richtigen Aufgreiftechnik konnte man die 500er in einem guten, machbaren Rhythmus absetzen, 4 pro Griff, mit einer Dreiachteldrehung des Oberkörpers, begleitet von einem kleinen Ausfallschritt, abnehmen vom Band und platzieren auf der Palette, 576 Griffe in 3000 Sekunden bei normaler Laufgeschwindigkeit des Bandes, Hörb hatte es gezählt, es waren 56 pro Lage, durch ein aus gezahnten Kartonstreifen sinnvoll zusammengestecktes Gitter gehalten, dann durch ein großes Kartonrechteck um eine weitere Lage aufgestockt. Insgesamt 12 Lagen hoch, wobei nur die jeweils 2 untersten und obersten ein Problem darstellen konnten, für Hörb eher die unteren, wegen seiner Größe, 186 Zentimeter.

War die Palette voll, kam der Abfahrer, in die Vorderseite wurde ein großer Karton eingeschoben, dann ein Deckel aufgesetzt, etwa ein Zentimeter breite Synthetikfaserbänder, je zwei durch die Staplereinfuhrkanäle und durch die 90° dazu gedrehten Seitenöffnungen der Palette geführt, dann mit einer Art Rätsche festgezurrt und einer mittels des gleichen Geräts angepressten Leichtmetallklemme fixiert und mit einer Gegenbewegung der Rätsche abgeschnitten, sodass sie sicher mit dem »Ameise« genannten Handschubwagen und später mit dem Gabelstapler abtransportiert werden konnten. Normalerweise musste dann eine neue Palette bereits parat stehen; für gewöhnlich arbeiteten sie zu beiden Seiten des Bandes mit jeweils drei Paletten, an denen entlang sie sich ablösten, 576 Griffe bis zur Ablösung, 576 Griffe, vorausgesetzt, es gab keine Störung an der Maschine. Egal wie: Es blieben 3000 Sekunden Arbeit, bis 600 Sekunden Pause folgten, in dem 4 mal 7 Meter großen Pausenraum. Acht Tische, mit Platz für etwa maximal 50 Arbeiter, die in der großen Halle aber nie gleichzeitig Pause hatten, zwischen 16 und 20 von etwa 140, die hier arbeiteten. 600 Sekunden jede Stunde stumm abgezählt zwischen dem Reden immer irgendeines der 16 bis 20; je nach Tageszeit Diskussion der Fußballergebnisse bis in die untersten Ligen oder zunehmend gröbere Bemerkungen, auch über sein bleiches Gesicht, über seine roten Haare, über seine altmodische Brille, bis hin zu der: Hörb zähle seine 600 Sekunden ab. Und das 25 Mal bis zum Wochenende. Dann würde Hörb etwa 8000 Schritte durch das Naherholungsgebiet Rheinauer Wald laufen, früher vor allem deshalb, um nicht in Hausnummer 37 in unendliche Streitereien verwickelt zu werden.

Ganz früher war er dort mit der jungen Frau gelaufen, die später seinen Namen auf die Hauswand gesprüht hatte. Hörb zählte während der Spaziergänge oft seine Schritte, früher zählte er auch die Worte der jungen Frau. Sie waren exakt 1473 Tage zusammen, wovon sie 732 gemeinsam in dem Haus wohnten, an dessen Fassade sie dann die 11 Buchstaben sprühte.

(...)

gisela hübner

in Wiesloch

fremdsprache

 

mein dolmetscher ist erkrankt

gestern um diese zeit

war ich hier noch allen verständlich

doch heute sind alle gesichter

glatt wie gehobeltes holz

unauffindbar die münder die ohren

unter perücken verschwunden

 

lache ich verzweifelt

verdächtigen sie mich

husten zu haben und die absicht

krankheitskeime zu übertragen

rufe ich so verwechseln sie mich

mit einer spielfigur und werfen

mir murmeln in den klaffenden mund

mein schreien deuten sie

als sehr hysterisches lachen

umwickeln mit luftschlangen

nachsichtig meinen unterkiefer

 

inzwischen ist mir die stimme

fast gänzlich vergangen

nur manchmal übe ich flüsternd das »amen«

ab und an sprüht die pflegerin

wasser mir unter die augen

besucher sollen mich traurig antreffen

trauer erkennen sie an

 

denn hierüber kann ich

keine eigenen tränen vergießen:

mein dolmetscher ist gestorben

nichts wird mehr geschehen

außer schweigen

 

 

Olga Manj

Ein Mann mit Abendsonne

 

Mannheim gleißt auf Blättern

Ludwigshafen sendet Licht.

Die Brücken stehen und lauschen

Blochs Mühle sieht in mein Gesicht.

Der Handelshafen: eine Weite

die sich am Ufer bricht.

Ich laufe mit dem Wasser

wollt’ wissen, wo du bist.

 

Häuser schwitzen Langeweile.

Der Wind fährt in den Staub.

Baulücken gehen zur Neige

rechts und links vom Rhein.

Dein Haar war wie das Laub

es wippte gern im Wind.

Und Abendzüge rollen laut

wo keine Träume mehr sind.

 

Hier wollt’ ich mit dir wohnen

in einem blanken Heim.

Der Vertrag war unterzeichnet.

Allein fließt nun der Rhein.

Die stufigen Uferterrassen:

Reichtum auf Kies gebaut.

Ich sitze auf dem Stein

er ist kalt, wie meine Haut.

 

Nils Ehlert

Drachenblut

 

»Du heißt eigentlich nicht Victoria, oder?«, fragte er. Sie hatten die Vorspeise beendet und warteten auf den Hauptgang. Die junge Frau lachte und schüttelte ihre blonde Mähne: »Wie soll ich denn heißen Ihrer Meinung nach?« Ihr Lachen war angenehm, doch ihr Blick durchbohrte ihn.

»Nein, der Name ist in Ordnung«, sagte er und zupfte an seiner Krawatte, »etwas altmodisch vielleicht.«

»Sie heißen auch nicht wirklich Caput Draconis.«

Er nickte: »Natürlich nicht, diesen Nickname hast du mir ja gegeben.«

Der Kellner brachte den Hauptgang. Ihr Mobiltelefon klingelte. Es war der Walkürenritt in einer rockigen Version mit Elektrogitarre. Sie zog das Gerät aus der Tasche und drückte den Anruf weg.

»Du magst Wagner?«, fragte er.

»Wagner mögen?«, antwortete sie, »nein, der war eine antisemitische Faschosau. Aber seine Musik ist geil.«

»Ich bin jedes Jahr in Bayreuth«, sagte er, »aber ich kann mit Wagner wenig anfangen. Alles zu lang, alles zu laut. Die Schwetzinger Festspiele sind mir lieber.«

»Warum fahren Sie dann dahin?«

»Zur Pflege der Geschäftsbeziehungen. Dafür ist der grüne Hügel perfekt. Ich könnte dir mal Karten für Bayreuth besorgen, wenn du willst.«

»Das wäre ja rattenscharf«, sagte sie, aber es klang eher gelangweilt.

»Du wirkst nicht begeistert. Oder gehört das zu deiner Rolle?«, bohrte er nach.

»Sie haben echt überhaupt keine Ahnung, oder?« Sie schüttelte grinsend den Kopf.

»Ich hätte mich besser informieren sollen«, gab er zu. »War es falsch, dass wir uns vorher zum Essen verabredet haben? Ich bin nicht so vertraut mit den Regeln. Ich hoffe, du hast Nachsicht mit mir.«

»Nachsicht?«, sie hob die Augenbrauen, »Sie wollen Nachsicht?«

»Ja, nicht direkt. Mehr so auf der Metaebene, wenn du verstehst.«

»Keine Ahnung, wovon Sie labern.«

Den Nachtisch aßen sie wortlos. Dann gingen sie hinaus in die Nacht. Das Hotel war nicht weit entfernt, er hatte sich schon vorher den Zimmerschlüssel geben lassen. Sie hatten kaum das Zimmer betreten, da ließ sie ihr Kleid zu Boden fallen. Darunter trug sie enges schwarzes Leder.

»Zieh dich aus«, forderte sie ihn auf.

Er tat es, legte seine Krawatte ab, seine Schuhe, sein Jackett, seine Hose, sein Hemd und spürte ihren prüfenden Blick.

»Mit jedem Stück Kleidung verlierst du ein Stück deiner Würde«, sagte sie, »spürst du es?«

»Ja«, sagte er leise.

»Ja, Herrin«, schnauzte sie ihn an.

»Ja, Herrin«, wiederholte er, »es ist beschämend und befreiend zugleich.«

Sie stieß ihn sanft zum Bett hin, und er ließ sich rücklings fallen. Dann holte sie Seilstücke aus ihrer Tasche und fesselte seine Arme und Beine an den Rahmen.

»Ich bin überrascht, wie natürlich mir das vorkommt. Als sei es nicht das erste Mal für mich.«

»Sei still«, forderte sie harsch.

»Aber wir haben noch kein Codewort vereinbart, falls es mir zuviel wird.«

»Wir brauchen kein Codewort, denn es wird nichts weiter passieren.« Eine gläserne Schärfe lag in ihrer Stimme. Ihre nachlässige Aussprache, ihr jugendlicher Jargon waren verschwunden.

»Moment, du sollst mich doch ...«

Sie stellte sich mit verschränkten Armen ans Fußende des Bettes. »Ich werde gar nichts für Sie tun, Herr Doktor Carsten Drayer, Vorstandsvorsitzender der Rheingold Bank.«

Er bäumte sich auf, doch die Fesseln hielten ihn zurück.

»Du weißt meinen Namen?«

»Sie sind überrascht?«, fragte sie, »Sie hätten sich schon etwas mehr Mühe geben müssen, um Ihre Identität zu verschleiern.«

»Was willst du? Wer bist du?«

»Wer ich bin, sage ich Ihnen nicht. Was ich will, können sie aus unseren beiden Nicknames lesen. Sie hatten doch Latein in der Schule?«

(...)

 

Lothar Seidler

Abend eines Geburtstags

 

(...)

Aus dem hinteren Raum dringt die Musik von der Bühne bis zu ihnen, eine voluminös klingende Frau singt ›Ring of Fire‹. Eduard gefällt diese Version viel besser als das sogenannte Original. Vera wippt etwas mit dem übergeschlagenen Bein, womit sie aber dann aufhört. Er will ihr sagen, dass ihm vorhin ihr Lachen gefallen hat.

»Dir hat der Film vorhin nicht gefallen?«, kommt sie ihm zuvor. Sie fragt weniger als dass sie es feststellt. Eduard beschließt, offen zu antworten. Er denkt, dass sie das von ihm erwartet.

»Insgesamt schon irgendwie. Ich kann nur der realitätsnahen Darstellung von herumspritzendem Blut keine künstlerisch relevante Ästhetik abgewinnen.«

»Darauf kommt es doch gar nicht an. Hier geht es um Action, nicht um Schönheit.«

»Kunstwerke müssen auch gar nicht einer sogenannten schönen Ästhetik verpflichtet sein, das sagte schon Adorno. Kunst soll sich das als hässlich Empfundene zu eigen machen, um im Hässlichen die Welt aufzuzeigen. Wobei Adorno hier übertreibt, indem er einen Primat des Hässlichen formuliert, was wiederum die Freiheit der Kunst einschränken würde, die er doch auch fordert.« Eduard hat sich in Schwung geredet.

»Wenn ich ins Kino gehe, mache ich mir keine so tiefschürfenden Gedanken, aber du hast dich ja mit Philosophie beschäftigt«, kommentiert Vera.

Eduards Schwung verebbt, eine Weile ist da nur die Musik aus dem Hintergrund.

»Manchmal bin ich anscheinend etwas verkopft, meinst du nicht auch«, sinniert er schließlich.

»Das macht doch nichts. Für mich ist wichtig, dass ich mit dir über alles reden kann, also auch über Persönliches, meine ich. Das wollte ich dir sowieso schon lange mal sagen.«

Eduard hat den Eindruck, dass er soeben über seine Funktion in Veras Leben aufgeklärt wurde. Er fühlt sich allerdings etwas einseitig festgelegt.

»Ja, danke für das Kompliment«, sagt er.

Einige Jazzstandards später sind die Biere getrunken und Vera möchte aufbrechen.

»Wir können die paar Schritte zum Neckar hinunter gehen, da ist die Bushaltestelle. Und kein Kopfsteinpflaster mehr«, schlägt Eduard vor.

Draußen haben winternächtliche Kälte und Glätte zugenommen, der Fahrplan verspricht den nächsten Bus in einer halben Stunde.

»Gehen wir am besten zu Fuß zur Straßenbahn«, meint Vera. So machen sie sich auf den Weg zum großen Platz. Kurz hinter der Stadthalle kommen ihnen auf Kollisionskurs drei Teenagerfrauen entgegen, die sich untergehakt haben.

»Und im Sommer waren wir Floß fahren, das war die Show, gell, Hilda!«, ist die mittlere zu vernehmen, die beiden anderen haben den Blick fest auf den glitschigen Untergrund geheftet. Das Konstrukt gleitet in leichten Schlangenlinien einher. Vera und Eduard bleiben stehen. Die mittlere macht »Huch«, als sie vor ihnen gerade noch anhält. Die beiden anderen geraten ins Schlingern, fangen sich aber und heben den Blick. Eduard betrachtet sie. Die linke hat ein grünes, die mittlere ein blaues und die rechte ein türkisfarbenes Strähnchen in der Dunkelfrisur. Ob die schwarztransparenten Strumpfhosen der drei, die ziemlich beinfrei dastehen, bei dieser Temperatur tatsächlich warm halten, fragt er sich. Ein Duft von limonadehaltigem Alkohol füllt seine Nase, er spürt einen leichten Niesreiz.

»Gundi, die sehen aus wie von dein’m Wellness Shop«, nuschelt die rechte Halbnixe, eine große bunte Plastikflasche in der Hand.

»Lindy, das ist überhaupt nicht in vogue«, meint die linke, auch nicht mehr ganz artikulationssicher.

»Sag ich doch.«

»Sagt mal, ihr zwei«, meldet sich wieder die mittlere zu Wort, »seid ihr eigentlich zusammen? Der da kuckt so uncool.«

»So was fragt man doch nicht«, wirft die linke ein.

»Isjoworscht«, so die rechte.

Die haben sich wohl verlaufen, denkt Eduard.

»Mädels, alles Chlor im Rohr?« fragt die mittlere im Kommandoton. »Dann weiter.«

Sie setzt das Konstrukt schräg nach links in Bewegung, das störende Hindernis aus Vera und Eduard zu umschwimmen.

Die beiden setzen ihren Weg schweigend fort. Hinter ihnen beginnt ein schiefer Gesang in drei verschiedenen Schrillhöhen, der sich langsam entfernt: »Es gibt nix Gold im Vater Rhein, es gibt nix Gold ...«

© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de