Der Zugezogenenstammtisch

Dietrich Wagner
Der Zugezogenenstammtisch

Waldprosa

 

Der Beamte vom Amt für Soziales

Das Rathaus ist kein schönes Rathaus. Neu gebaut und doch schon ein altes, langweiliges Gesicht, welches dich erschlägt, wenn du es vom Marktplatz genauer anschaust. Im Inneren wirst du ebenfalls eher erschlagen. Auf den Fluren strahlt nur Neonlicht, für den, der im Rathaus warten muss.

Ich bin nur zwei Mal im Jahr im Rathaus. Jetzt ist es mal wieder soweit. Ich warte, sitze vor so einer Tür. Neben mir zunächst nur ein Paar und ein Mann.

Das schon ältere Paar sieht aus zum Bedauern, der einzelne Mann eher das Gegenteil, zumindest nicht arm. Und ich? Na ja, würde ich so einen wie mich sehen, ich würde mich auch fragen, was will der eigentlich?

Doch ich sitze hier nicht das erste Mal. Ich weiß hier sogar sehr genau Bescheid, was ich für einen Bescheid mitbringen muss, wenn ich hierher muss.

Auf alle Fälle brauche ich Zeit und viele ausgefüllte Papiere und meine Ohren, die dem zuhören, was mir erzählt wird. Aber hauptsächlich brauche ich eben Zeit und muss ein bisschen schlauer sein als der im Büro auf dem Amt. Schlauer, dies will ich heute besonders sein. Ich weiß bloß noch nicht wie. Ich will nämlich nächstes Jahr nur einmal ins Rathaus gehen und nicht wie noch dieses Jahr zwei Mal. Je länger ich warte, umso wichtiger wird mir dies.

Der im Büro sitzt, Herr Walther, redet recht viel und gern. So sitze ich im Flur und warte, warte lange, und es werden immer mehr Leute, die mit mir warten. Jedoch werde ich jetzt der Nächste sein. Früh um halb neun bin ich heute Morgen schon hier gewesen. Nun stehen und sitzen hier ganz viele Leute. Auch ist es inzwischen zehn Uhr.

Da kommt ein Neuer zu unserer Gruppe. Ein Türke. Zunächst setzt er sich einfach brav hin. Zehn Minuten vergehen. Aber die Tür öffnet sich nicht. Nichts passiert. Dann wird dem Neuen das Warten schwer, weil sich an der Tür bei Herrn Walther nichts tut. Nach fünfzehn Minuten fragt er das ältere Paar: »Ist überhaupt jemand drin?« »Ja«, antworten die beiden. Für einen Moment gibt er Ruhe, wackelt jedoch ständig mit den Beinen.

Dann fragt er das Paar noch einmal: »Haben Sie den auch gesehen? Wer ist denn da drinnen?« Das Paar erwidert nun, sie zeigen mit den nackten Fingern auf mich, dass ich ihn gesehen haben muss. Ich erwidere darauf: »Dass ich sie gesehen habe. Es ist eine Sie bei ihm.«

»Doch dies ist jetzt schon eine dreiviertel Stunde her, wie sie hineingegangen ist«, ergänze ich. Der Türke stutzt. Ich registriere sein Entsetzen. Was wird er jetzt tun? Viele gehen dann. Manche klopfen aber auch und regen sich auf. Was wird er für ein Typ sein? Er wird bald klopfen.

Jetzt steht er auf und sagt: »Ich will ja nur ein paar Formulare.«

»Ich klopfe«, sagt er zu mir. Formulare? Ich weiß, dass er die nicht bekommt.

Dann steht er auch schon an der Tür, klopft und öffnet sie. Freundlich sagt er: »Hier warten viele Leute schon ganz lange.«

Durch die nun offene Tür sieht man den Beamten Herrn Walther behäbig hinter seinem Tisch sitzen, aber verschwitzt mit weißem Hemd, mit fettigem Haar und Übergewicht. Vor dem Tisch sitzt eine Frau. Bei Herrn Walther dauert es länger, selbst wenn man nur Formulare will.

Erlebt man ihn das erste Mal, denkt man noch, ist der aber neugierig auf einen, bis man erkennt, der ist immer so, zu jedem und jeder, und er fragt eigentlich, um selbst zu antworten und um zu kontrollieren.

Freilich, im Moment fühlt er sich gestört. Er steht auf, obwohl er es doch gar nicht will, schaut auf den Flur.

Dann ruft er ärgerlich dem Störer und allen Leuten zu: »Ich beeile mich, aber jeder Fall ist wichtig.« Dies äußert er äußerst wichtig, so wichtig wie er sich wichtig nimmt in seiner Welt. Dann ist die Tür wieder zu und alle wissen jetzt Bescheid, dass da wirklich jemand bei ihm sitzt.

Das Drängeln hat dann wohl doch etwas gewirkt. Die Frau kommt mit hochrotem Kopf aus dem Büro. Ich bin der Nächste.

(...)

 

Zugezogenenstammtisch

Es war schon dunkel. Sie fuhren in der Nacht voller Erwartungen zu ihrem Termin, Mann und Frau. Was würde sie erwarten mit ihren Erwartungen?

Sie wohnten noch nicht lange hier, in diesem schwarzen Wald. Eigentlich wollte sie, die Frau, nicht hier herziehen. Sie wollte in der Stadt Heidelberg bleiben, endlich mal an einem Ort verweilen. Sie waren in Deutschland schon viel umgezogen. Zuviel. Hunderte von Kilometern, von Ost nach West, dann in den Süden.

Schließlich nun vom Süden noch tiefer in den Süden.

In Heidelberg hatten sie sich endlich einmal etwas eingelebt, hatten ein, zwei Freunde, waren immerhin sieben Jahre dort geblieben.

Doch nun waren sie trotzdem wieder umgezogen, in den schwarzen Wald, eingezogen in dieses Haus.

Sie fuhren durch die Nacht. Es war kalt. Die Scheiben beschlugen. Sie fuhr. Er saß daneben. Er hatte ein Autoproblem, Angst vor Unfällen. Alle fuhren ihm zu schnell, auch seine Frau. Vielleicht fuhr sie gerade auch in diesem Moment für ihn wieder zu schnell. Das war auch ein Grund gewesen, hierher zu ziehen, sein Autoproblem.

Eine neue Arbeit hatte er gefunden und am Anfang fuhr er die weite Strecke, jeden Tag eineinhalb Stunden im Auto hin und eineinhalb Stunden im Auto zurück. Doch da durfte es keinen Stau geben.

Anderen Männern hätte es nichts ausgemacht. Doch er war nicht der Mann für das Autofahren. Jetzt fuhr sie und für ihn wahrscheinlich zu schnell. Schließlich war es dunkel. Rehe könnten über die Straße springen.

Sie fuhren aus ihrem neuen Städtchen hinaus, waren noch nicht in dem anderen Ort, erst im Wald, im Zwischenraum. Der aufmerksame Leser möge bemerken, dass sie schon »ihr Städtchen« sagten, aber man wusste noch nicht, ob das »ihr Städtchen« ihnen nicht eher peinlich war oder doch schon einfach ein »ihr Städtchen« bedeutete.

Sie sprachen kein Wort. Er hielt sich wohl noch bei der Arbeit auf, auch wenn er im Auto saß. Dann fragte er: »Wo hast du es denn gelesen, dass es so etwas gibt? Zugezogenenstammtisch.« »Im Gemeindeblatt«, antwortete sie knapp. Darauf dachten beide, es gibt schon Zufälle, dass das jetzt gerade angeboten wird.

Sie waren also unterwegs zum Zugezogenenstammtisch. Das Wort störte ihn. Er war auch nicht der Mann, der für einen Stammtisch geschaffen war.

Wer will schon einen Mann beim Stammtisch haben, dem Autofahren Wahnsinn bedeutet?

Jedoch hier beim Zugezogenenstammtisch wollte er sich Mühe geben, denn letztlich hatte er beruflich mit dem Thema Veränderung zu tun, dachte fast selbstkritisch, da könnte ich mir auch einmal Mühe geben, mich zu verändern.

Seine Skepsis spürte sie wohl dennoch, sie kannte ihn. So meinte sie aufmunternd: »Einen Versuch wäre es wert. So Zugezogene haben die gleichen Probleme. Da versteht man sich.« »Ja, das stimmt, eigentlich eine gute Idee«, versuchte er sich selbst Mut zu machen und seine Frau nicht zu enttäuschen. Sie merkte sein Bemühen und freute sich.

Dann nach einer Pause, andere Autos, besser gesagt Lichter, kamen ihnen nicht mehr entgegen, auch keine Rehe, sagten sie, Mann und Frau, wieder etwas. Sie stichelte ein wenig: »Wegen mir sind wir nicht umgezogen.«

Er verteidigte sich: »Die Unfälle, der Wahnsinn auf den Straßen. Sonst im Leben mache ich mich ja auch nicht so von anderen abhängig, aber hier? Und dann hätte ich mich immer so lange dem Risiko ausgesetzt, eineinhalb Stunden.«

So redete er und wusste eigentlich auch, dass er sich bei ihr nicht verteidigen musste. Sie kannten sich schon lange.

Ihr Sticheln und sein Verteidigen waren ihre Zärtlichkeiten, die sie nebenbei schnell austauschen konnten. Für anderes, bei zwei Kindern, war oft wenig Zeit.

Dann kamen sie in dem anderen Ort an, eigentlich einem Dorf. Aber das Dorf hatte angefangen, in den letzten Jahren ihrer neuen Stadt den Rang abzulaufen. Das Dorf besaß ein Bildungszentrum, ein reges Vereinsleben. Ihr Städtchen sollte die Zeit verpasst haben? Sie wussten um den alten Streit über den Ruf des Dorfes und den der Oberamtsstadt.

Am Bildungszentrum fanden sie sofort einen Parkplatz. Alles war leer. Nebel zog von der nahen Streuobstwiese heran. Das Haus war eine alte Villa, zwei Stock, spitzes Dach, Schindeln, große Bäume davor.

Wie alte Häuser im schwarzen Wald eben so aussehen. Im Haus war es genauso ruhig wie vor dem Haus, fast ein wenig gespenstisch.

Drinnen sah es auch aus, wie von innen her so alte Häuser im schwarzen Wald aussehen, nur mit der Ausnahme, dass das Haus ein Bildungszentrum war und dies das Innere etwas verwandelte.

Unschlüssig standen Mann und Frau im Bildungszentrumsflur. Auch die Frau spürte jetzt ihre Unsicherheit, oder waren es sogar Unsicherheiten? War das wirklich eine gute Idee? Zugezogenenstammtisch? Er dachte still, vielleicht hatte sie sich verlesen? Sie fragte ihn laut: »Aber heute ist doch Montag?« Er irritiert: »Ja. Na klar?«

Irgendwoher hörten sie leise Stimmen. Allerdings hörte sich das nicht wie ein Zugezogenenstammtisch an, eher wie ein Arbeitskreis. Leises Gemurmel. Vielleicht ein Meditationskurs.

Aber dann kam eine Frau, stand auf einmal da, wie vom Himmel gefallen, und begrüßte sie freundlich: »Sie wollen bestimmt zum Zugezogenenstammtisch?«

Beide bejahten und dachten sofort, man sieht es uns wohl an. Zugezogene. Gleich erklärte die Kursleiterin, sie war auch die Leiterin der Bildungsstätte, dass noch keiner da wäre. Sie böten dies heute das erste Mal an. »Wir wissen noch nicht, wie die Resonanz ist.«

Der Mann schwieg zunächst. Seine Frau versicherte sofort der anderen Frau, was für eine tolle Idee das sei, etwas für Zugezogene zu machen. Der Mann merkte nun, dass er auch etwas sagen müsste, aber ihm fiel nichts ein. So nickte er nur, aber so, dass man zumindest denken musste, er fände dies alles genauso toll. Und irgendwie fand er es ja auch nicht schlecht, trotz seiner Zweifel, die jetzt wieder zunahmen, weil sie die Einzigen waren. Es sah ganz so aus, dass es mit einem Stammtisch nichts werden würde.

Sie saßen und warteten. Die Kursleiterin hatte ihnen gleich zum Essen und Trinken angeboten, welches sie verschämt angenommen hatten, was aber auch gut tat im doppelten Sinne, es schmeckte und lockerte die Nochnichtstammtischatmosphäre auf. Es gab Butterbrezeln und Wein.

Die Leiterin war auch eine Zugezogene, lebte aber schon lange hier. Sie erzählte, dass sie sich denken könnte, dass es gar nicht so leicht sei, wenn man neu ist. Ihr wäre es auch schwer gefallen.

Man fing vorsichtig an zu philosophieren, warum dies so sei, ohne dabei selbstverständlich die neue Heimat gleich zu arg zu kritisieren. Man wollte ja in der neuen Heimat noch heimisch werden. Ab und zu sagte die Kursleiterin: »Da kommt wohl keiner mehr«, erwähnte aber auch, dass im Nachbarraum ein Kurs stattfände und dort ein Pärchen, das hier neu im Dorf wohnt, auch noch zum Zugezogenenstammtisch wolle.

Na immerhin, dachten sie sich, sind sie nicht allein. Woher würde wohl das andere Paar kommen?

(...)

© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de