Andere Horizonte

Wolfgang Gast
Andere Horizonte

Geschichten von Anfang und Ende

 

 

Langsame Reise

Die beiden Männer am Ende oder Anfang der Gasse. Sie scheinen zu warten, mit kleinen Zeichen von Unruhe. Warum noch länger in der Kälte stehen. Die Aufteilung der Rollen: Meister und Schüler.

- Wer ist der Nächste?

- Ich nenne ihn Euler. Franz Euler.

- Und wie heißt er wirklich?

- Franz Euler.

- Er wohnt hier, vermute ich.

- Sandgasse 6. Ich beobachte die Gasse. Das Haus. Seit zwei Wochen ist er nicht mehr aus dem Haus gegangen. Die Straße ist leer von ihm.

- Ein fertiges Motiv also.

- Sie ist mir noch nicht leer genug – du verstehst, was ich meine.

 

Im Jahr zuvor. März. Der Mittag klar, ein körperloses Licht, der Wind löscht Trübungen. Die Feldwege: vertraut; das Tal ist weit, der Süden lockend, fern im Westen ein Schattenriss der Pfälzer Berge. Beim Dahingehen der Gedanke – oder ist es nicht eigentlich ein Gefühl; eine Beobachtung schließe ich aus, sie würde Veränderung bei den Tatsachen voraussetzen. Ein Gefühl also, denke ich; eines, das seit Wochen und auch heute zupackt, während der Blick durch das Tal streicht, südwärts bis er sich am Ende in Schleiern verfängt, die eine dahinter liegende Endlosigkeit vortäuschen, oder westwärts über die Ebene, um gegen eine ferne Wand aus dichtem blauem Schatten zu stoßen. Vor mir und zur rechten Seite hin ist Horizont, und er, so denke, vielmehr fühle ich, verfolgt mich.

Der Horizont rückt näher. In Sprüngen, die er vielleicht nachts vollbringt, keine Bewegung ist ihm anzumerken, wenn ich durch das Kirchheimer Feld gehe. Aber er hat angefangen, mir zu drohen. Irgendwann werde ich ihn, nein, wird er mich erreicht haben. Er droht mir mit Unausweichlichkeit.

Unmöglich, dass er, als geometrische Linie, sein Gesetz geändert hat. Kein Mensch wird jemals den Horizont erreichen; ihn berühren. Gehen oder fahren könnte ich nach Süden bis zu dem Ort, den die Linie vorher durchzog. Am Ort würde ich ankommen; die Linie oder Grenze, an die mein Blick jetzt, in dieser Sekunde stößt, hätte sich verflüchtigt. Als geometrischer Spottvogel dehnt und streckt sie sich weit vorne, wo das Auge wieder auf sie trifft, in einer anderen Landschaft. Die Berge im Westen werden bei Annäherung nicht zurückweichen; dort ist der Horizont im Boden verschwunden, der lockende blaue Schatten hat sich zur hügeligen Talflanke entpuppt. So oder so, der Horizont ist das Prinzip immerwährenden Ausweichens. Wie jedoch komme ich dazu, mich bedroht zu fühlen, bedroht von ihm, seit einiger Zeit. Wo mich früher das Unerreichbare gelockt hatte, mit einem Sog von Verführung, dort fühle ich jetzt eine hohe Mauer. Die von Mal zu Mal näher liegt.

Dass mich das Blick-Ende bedränge, bedrohe, sei keine Erfahrung? Die Drohung keine Tatsache? Die Verengung des Raumes nichts Wirkliches? Ich sehe ein, gebe zu: Es handelt sich nicht um eine Wirklichkeit des Rheintals und meines gewohnten, vertrauten Wegs. Gegenstand der Veränderung bin ich. Die veränderte Erfahrung, die es objektiv nicht gäbe, ist Selbsterfahrung. Sie findet ihre Tatsachen nur in mir und gilt allein für mich. Wobei ich dazu neige, das herabsetzende »nur« zu streichen. Ich erreiche offenbar einen Punkt meines Lebens, oder habe ihn endgültig erreicht, von dem an nicht mehr wesentlich ist, zwischen Tatsachen außerhalb und Tatsachen in mir zu unterscheiden. Zukunft, wenn nicht gar schon Gegenwart, geschieht »nur noch« in mir. Das Leben wechselt von draußen ins Innen. Es schaut noch hinaus, doch es spielt sich diesseits der Lidgrenze ab. Mein Körper läuft dem Horizont entgegen, dem südlichen mit Vorliebe, das Auge sieht, wie die Linie sich rückwärts verschiebt – auf der inneren Seite des Prismas ist die Lage umgekehrt, der Horizont kreist mich ein.

Es war einmal: Ein Raum für Lockspiele in schöner Aussicht. Zeit der Hoffsucht und Sehnung.

 

Die beiden Männer auf dem kurzen Weg zum Café Schafheutle.

- Du weißt, dass er noch lebt?

- In seinem Zimmer brennt Licht. Vom frühen Nachmittag an. Jeden Tag.

 

(...)

 

 

Die Befragung

Ein Raum ohne Fenster. Das Licht fällt durch eine milchig vergilbte Glaskuppel, es erreicht keine Wand, erschafft selbst einen unbestimmten, verschwommen abgerundeten Ort. An der hellsten Stelle, man könnte sie Mitte nennen, liegt halb aufgerichtet oder sitzt zurückgelehnt, in einem Möbel von nicht durchschaubarer Funktion, ein Mann. Bekleidet ist er mit dem, was übrig blieb von einem hellblauen Sommeranzug, weißen Hemd und bunter Seidenkrawatte, nachdem ein Regenguss, eine Sturmböe, der Sturz in eine schlammige Pfütze und zuletzt die noch nicht aufgeklärten Wirkungen eines Blitzeinschlags in nächster Nähe, wenngleich in das Faradaysche Gerüst eines Laubengangs, elementare Zugriffe also – nachdem dies alles in kurzer Abfolge das Opfer getroffen hatte.

Das Sprechen fällt dem Mann zunächst schwer. Doch er wird sich im Feld der Tatsachen und Wörter bald wieder zurechtfinden.

Mein Name? – Ja, ich verstehe, was Sie meinen. Ich suche das Wort. Helfen Sie mir. – Ich glaube, es ist der richtige Name. Woher kennen Sie mich? – Mein Ausweis. Sie haben ihn gefunden. Das ist gut. In der Brieftasche war auch Geld. Alles vorhanden. Auch die Konzertkarte? – Das Konzert ist zu Ende. – Das Letzte, woran ich mich erinnere? Im Park. Es war dort rasend schnell dunkel geworden. Die schwarzen Wolken. Und der Regen, eine Sturzflut. In die Dunkelheit fuhr ein Licht, ein wahrhaftiges Schlaglicht, neben oder hinter mir. Kann ein Licht einen Menschen packen und zu Boden werfen? Frage ich mich jetzt. Das Licht, der Lichtschlag, könnte sehr kurz gedauert haben, wie ein Blitz, und ich habe nur seinen Nachschein noch länger gesehen, ich weiß nicht. Den Nachschein im Auge. Ich erinnere mich nicht, wie das Licht vielleicht erlosch und die Dunkelheit wieder da war. Dunkler als zuvor aber war sie. Das tiefste Schwarz. Ich erinnere mich an – nichts. Es könnte ein Eindruck von Nichts gewesen sein. Erfahrung von Nichts. – Ich lag bewusstlos in einer Pfütze, sagen Sie? Davon habe ich nichts gespürt. – Ja, bitte, eine kurze Pause.

Wenn ich vom letzten Augenblick an rückwärts denke? Da ist die Unbekannte. Die Frau im roten Kleid. Ich bin ihr hinterher gelaufen. Warum gelang mir nicht, ihr näher zu kommen! Sie hatte den kleinen Tempel erreicht, als das Unwetter losbrach. Sie verschwand zwischen den Säulen. Plötzlich waren da Säulen, ich hatte sie früher nie gesehen. Vielleicht bin ich stehen geblieben. Überrascht. Oder vielmehr hilflos. Dann wollte ich zum Tempel flüchten. Er heißt Tempel der Minerva, fällt mir ein. Nur ein Tempelchen, eigentlich. Fünfzig Meter noch, denke ich. Gegen den Regen und Sturm kam ich mühsam vorwärts. Bis zum Tempel kam ich wahrscheinlich nicht. Die Pfütze? Sie haben recht, ich war, wie man so sagt, auf der Strecke geblieben.

Vom Beginn an erzählt – das ist mir lieber. Ich bin sicher, dass meine Erinnerung bis zur Konzertpause sehr klar und richtig ist. Was geschah, war sehr einprägsam und ich habe alles begierig festgehalten. Obwohl – mein Abenteuer besteht darin, dass fast nichts geschah. Außer dem Konzert. Das Übrige: eine Folge von Versäumnissen. Ein einziges Versagen. Ich habe versagt. Oder mir wurde etwas versagt. Es läuft auf Eines hinaus.

(...)

 

 

Café Acheron

Erzählung aus einem Allgäuer Kurort

 

1

Am Rande des Kurparks. Die von Gärtnern angelegte und zurechtgestutzte Natur geht dort über in die offene, nicht weniger künstliche Landschaft der Ackerbauern und Viehhalter. Auf einer Bank, der letzten in der Kurpromenade, sitzt ein Mann mit Zeitung. Nicht sperrig in der Bankmitte; ein wenig ängstlich, oder absichtlich einladend, hat er das linke Ende besetzt. Zu früh nach Meinung des Erzählers und, vor allem, peinigend für den Mann wäre es, wenn jemand ihn nach seinem Namen fragen würde. (Balthasar / Caspar Hauser / Dr. Siegfried Hähnlein / Ich /: jedes Wort eine Spur für falsche Erwartungen.) Der sitzende Mann hat ein Bein über das andere geschlagen (das rechte über das linke?), die Zeitung auf halbe Größe zusammengefaltet, das Knie ist Schreibunterlage. Er beschäftigt sich mit einem Kreuzworträtsel und hat einen leicht hilflos-unglücklichen Zug um den Mund. Auf der Zeitungsseite unterstreicht er das Datum: 29. September; daneben notiert er: Rätselei statt Mittagessen. Noch immer Sommer, überhängend in diesen Tag. Notizbuch! Auch das Wort Notizbuch unterstreicht er.

Der Fremde wird das Gespräch nicht mit einem Hinweis auf sommerlichen Überhang beginnen. Ein abweichendes Verhalten, fast alle reden vom Wetter, täglich und erst recht an einem Kurort. Der Mann mit der Zeitung blieb arglos.

- Stört es Sie, wenn ich das andere Ende der Bank nehme?

Der Fremde, mit breit eingefasster Sonnenbrille, in der Hand einen Strohhut und eine gerollte Zeitung.

- Aber bitte, nein, überhaupt nicht.

Der Sitzende schaut dem Stehenden entgegen, sein Körper bewegt sich, ein Reflex, um weiter weg zu rücken, doch er spürt den Abgrund links. Er legt seine Zeitung auf die Bank, mit der Rätselseite nach oben.

- Da Sie mir ein Zeichen geben: hier ist meine Antwort.

Der Fremde lässt die Rolle aus seiner Hand auf die Bank gleiten; die Titelseite wird sichtbar.

- Die gleiche Zeitung! Ich ... (er will überspielen, dass er nicht versteht) interessiere mich für Literatur. Man sagt, es gebe kein besseres Feuilleton.

- Und keine schwierigeren Kreuzworträtsel.

- So ist es. Hier (der glücklose Rater deutet auf die Schwachstelle zu seiner Rechten): Ich komme nicht voran.

- Vor Jahren hätte ich Sie gefragt, ob wir gemeinsam ... Heute zögere ich, Ihnen Hilfe aufzudrängen.

- Zögern Sie nicht. Ich bin noch immer ein Anfänger in literarischen Dingen. Haben Sie den Lösungssatz aus der Mittelzeile? Es gibt Bücher zu gewinnen.

Er holt seine Zeitung zurück auf das Knie.

- Ich spiele nicht mit. Aber vielleicht fällt mir ein Wort ein, das sich Ihnen im Augenblick verweigert.

- Was will die Sibylle des Sommers noch nicht?

- Sterben.

- Wie bitte?

- Noch will die Sibylle des Sommers nicht sterben. Der Autor heißt Peter Huchel.

- Ein Gedicht, eine Verszeile daraus?

- Passend zu diesem Septembertag. Sie sind zur Kur hier?

- Dieses Mal nicht. Ich suche (er zögert) eine Wohnung. Die Wohnung fürs Alter. In einer solchen Kurstadt ist ein alter Mann, denke ich, am besten aufgehoben.

- Wie Recht Sie haben! Ich bin vor drei Jahren hierher gezogen. Es war die richtige Tat zum richtigen Zeitpunkt.

- Ist es schwer, das Richtige zu finden?

- Nicht schwerer, als bei Ihrem Kreuzworträtsel.

- Stefans Park in der Gerüchteküche.

- Komm in den totgesagten Park und schau. Stefan ­George.

- Totgesagt. Sehr schön. Wer jedoch ist: Noch ein Meis­ter aus Deutschland?

- Sie kennen das Gedicht von Celan.

- Ja. Bei ihm hat das Wort drei Buchstaben. Gesucht ist ein Wort mit neun Buchstaben.

- Hei-deg-ger.

- Ein Philosoph, nicht wahr. Was an ihm ist so tödlich, dass ... (er unterbricht sich, schweigt).

- Ein Schriftsteller wählte für seine Heidegger-Biografie diesen Titel: Ein Meister aus Deutschland. Weil der Philosoph die Existenziale, pardon, den Inhalt menschlicher Existenz ganz aus der Sterblichkeit ableitet. Aus dem Sein zum Tode. Heidegger, ein Agent des Todes; wenn man ihn so schmucklos bezeichnen will.

- Sie wissen alles. Wie soll ich da eine Wohnung finden.

- Ich biete Ihnen meine Hilfe an.

- Die ich mit Freude annehme.

- Heute (der Fremde schaut auf die Taschenuhr, die er aus der oberen Tasche seines Jacketts gezogen hat) reicht meine Zeit dazu leider nicht mehr. Wollen wir morgen wieder zusammenkommen! Nachmittags um fünf Uhr, Café Acheron?

- Ein neues Café? Den Namen höre ich zum ersten Mal.

- Sie kennen das Lokal. Am Ende der Badstraße, gegenüber dem Kurhaus.

- Aber das Café heißt ...

- Oberflächlich betrachtet, heißt es anders. Mit seinem Tagesnamen, für das gewöhnliche Publikum. Wir Abendgäste halten uns an die Wahrheit. Auch das werde ich Ihnen erklären. (Er steht auf.) Verzeihen Sie die plötzliche Eile. Auf morgen!

- Vergessen Sie Ihre Zeitung nicht!

- Oh. Schade, dass Sie mich daran erinnern. Endlich hätte ich, nach unserem schönen Gespräch, diese Zeitung tatsächlich vergessen. Ohne dass ich ans Vergessen denken musste.

 

2

Nach dem Frühstück bin ich zum Papierladen an der Badstraße gegangen und habe dieses Notizbuch gekauft. Mir gefällt der Name auf dem Umschlag, und die eigenwillige Schreibweise des Namens: Zequenz. Das Z statt des S ist eine Spielerei; oder eine Verschlüsselung? Was würde sie bedeuten? – Eine Lehre aus der Begegnung gestern: Ich muss meine Fantasie trainieren. Bin ich mir denn meiner Freiheit bewusst, oder lebe ich noch immer wie im Käfig? Leider kommt hinzu, dass ich wenig weiß. Zu wenig, um ein nicht alltägliches Kreuzworträtsel zu lösen. Ich gehöre zum gewöhnlichen Publikum, mit den Worten jenes Fremden gesprochen.

Später Vormittag. Ich sitze in der Bibliothek des Kurhauses und habe ein Lexikon der antiken Mythologie gefunden. Was ist oder war Acheron? Im Allerweltslexikon stand: Grenzfluss zur Unterwelt (Hades). Hier, in der Fachliteratur, erfahre ich über den Fluss nichts anderes, jedoch viel über das Hinterland. Die Seelen der Verstorbenen werden über den Fluss gebracht. Stehen vor dem Richter. Die »Frommen« (wer ist das?) dürfen weiterziehen in die elysischen Gefilde. Dort mögen sie sich Vergessen antrinken (mit Lethewasser) und glücklich werden. Die »Frevler« verschwinden im Tartaros, einem Höllenschlund, durch den ein Feuerstrom fließt. – Worauf wartet man im Café Acheron? Worin besteht die Geschäftsidee (hätte ich früher gefragt)?

Der Fremde. Ich hoffe, dass ich ihn erkennen werde. Ich habe ihn zu flüchtig angeschaut, und er saß mit dem Rücken zur Sonne, sobald er sich mir zuwandte. Ein Mensch, der seine Zeitung vergessen will. Kann man überhaupt mit Absicht vergessen?

Kein Hesse zum ... in ... – Da habe ich das literarische Kreuzworträtsel aufgegeben.

 

3

Um zwölf Uhr verlässt er das Kurhaus, in der Hand ein Buch, das er in der Bibliothek ausgeliehen hat. Für ihn war es ein Fundstück gewesen, aber kein zufälliges; quer in das Regal gestellt, ragte es aus der Reihe der Bücher, ein gelbes Lesezeichen hing aus dem Buchblock. Zufälle gibt es nicht, allenfalls Wunder: dieses Satzgespenst überfiel ihn vor der gestörten Regalordnung; unbarmherzige Erinnerung an seine liebste Büroweisheit. Und: Es gibt die Situation, man muss sie erkennen und nutzen. Ein geflügeltes Wort, hatte einer der Kollegen dazu gesagt, ein Spötter, den Gelächter belohnte. Denn der Leugner des Zufalls, Anhänger der Situation hieß Dr. Siegfried Hähnlein. Doctor rer. oec.: für wirtschaftliche Angelegenheiten. Seine Unterschrift wird sich mit den Jahren abschleifen zu einem unscharfen Dr. Huene, oder so ähnlich. Hähnlein also, um bei der Wahrheit zu bleiben und beim Eintrag in die Kurkarte, zog das quergestellte Buch aus dem Regal, warf einen Blick auf den Einband und schritt zur Ausleihe. Die Bibliothekarin schenkte ihm, durch den Buchtitel verführt, einen Bewunderinnenblick, von dem er nichts spürte.

Doctor Hähnlein hat Einsteins Traum nicht ohne Grund aufgegriffen. Das gefundene Buch soll ihn befreien von der Lästigkeit, unter zehn von zuhause mitgebrachten Büchern jenes eine auszuwählen, das ihm den Einstieg in die ersehnte Rolle des Viellesers leicht machen würde. Jetzt war der Anfang gelungen, mit einem schnellen, ungehemmten Griff. Besser ausgerüstet als mit einer Zeitung und ihrem unbezwingbaren Rätsel – aber das ist ein blindes Vorurteil, denn er hat das Fundstück bisher nicht aufgeschlagen – überquert Siegfried (im Augenblick mehr Siegfried denn Hähnlein) den Platz vor dem Kurhaus und die Brücke über den Badbach, wendet sich nach rechts und geht auf der Badstraße zum nahen Café Wallenstein. Die wenigen Tische vor dem schmalen, mit falscher Barockfassade maskierten Haus sind besetzt, Siegfried zieht sich in das Lokal zurück, durch einen Buchtitel abgelenkt von der Frage, warum es den Decknamen Café Acheron verdiene. Doch nicht, weil es neben einem in ein Betonbett gedrängten Bach liegt!

 

4

14 Uhr, noch im Café W. – Was ich gegessen habe, weiß ich nicht; jedoch, was ich gelesen habe. Das Buch öffnete sich wie von selbst an der Stelle mit dem Lesezeichen. Dort ist eine kurze Geschichte erzählt: Ein Mann lernt eine Frau kennen, die am nächsten Tag weiterreisen muss, in ihre Stadt. Der Mann lässt sie ziehen, überlegt jedoch, ob die Begegnung damit wirklich erledigt sei. Er denkt über drei Möglichkeiten nach. (1) Er reist der Frau nicht hinterher, das Potenzial seiner Begegnung versickert. (2) Er reist hinterher, das Wiedersehen ist ein Erwachen aus einem Traum, die Trennung endgültig. (3) Er reist hinterher, der Traum dauert an, der Mann zieht zu dieser Frau; das Paar heiratet, aus einem Traum wird eine durchschnittliche Ehe.

Später. Im Hotelzimmer. Ich will nicht, dass der Fremde mich im Acheron überrascht.

(...)

© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de