Ein Wolf im Wald

Ingrid Samel
Ein Wolf im Wald

Erzählung für Kinder

 

 

 

Wolfsgeheul im Klassenzimmer


Die Tür des Klassenzimmers flog auf. Melissa, vollgepackt mit Heften und Büchern, eine Schnitte in der Hand, stürzte herein und ließ sich schwer auf den nächsten Stuhl fallen, der gerade vor ihr stand.

»Mein Vater«, rief sie und holte tief Luft, »mein Vater hat einen Wolf gesehen!«

Helma hielt eine nasse Haarsträhne in der Hand. Die hatte sie sich eben am Waschbecken blau gefärbt. Jetzt drückte sie vor Schreck auf den CD-Spieler. »Was hast du gesagt?«, fragte sie und drehte sich zu Melissa um. »Einen Wolf?«

Ruth schob ihre Brille zurück auf die Nasenwurzel und ließ ihren Mund offen stehen.

Aber Melissa streckte die Beine aus und lehnte sich genüsslich zurück. »Ihr habt richtig gehört. Mein Vater hat einen Wolf gesehen.«

»Wo denn?«, fragte Helma und wischte sich die Finger an der Hose ab. Der CD-Spieler hatte eine blaue Stelle. Und ihre Hose jetzt einen blauen Streifen.

»Na, im Wald«, sagte Melissa gut gelaunt und biss in ihr Brot.

Die vierte Klasse hatte sich an diesem Nachmittag im Klassenzimmer versammelt, um ihr Sommerfest vorzubereiten. Die Jungen und Mädchen wollten Tänze und ein Theaterstück aufführen, und das bedeutete viele Treffen, viele Überlegungen und viel Zeit, die sie sich nehmen mussten.

Der dicke Moritz zog die schwarze Mönchskutte wieder aus, die er sich zur Probe umgelegt hatte.

»Was ist los?«, fragte er und warf sie Florian zu. An dem segelte sie vorbei und fiel auf den Boden. Florian ließ sich nicht stören, ein großes Stück Stoff zu betrachten, das einmal zum Bühnenbild gehören sollte. Jetzt drehte auch er sich zu Melissa um. Lahm sagte er nur: »Wie aufregend.«

Moritz stieß Florian an und kicherte.

»Wo hat dein Vater einen Wolf gesehen?«, fragte Helma noch einmal bei Melissa nach, die es sich inzwischen richtig gemütlich gemacht hatte und sich auf dem Stuhl räkelte. »Ich meine, wo genau? Erzähl schon.«

»Na ja«, meinte Melissa, »er hat es mir ja nur erzählt. Er war oben auf der Kipp. Und da hat er ihn gesehen, von weitem nur, aber er sagte, der Wolf war nicht sehr scheu, er hatte wohl Hunger oder er war tollwütig. Da verlieren die Tiere nämlich ihre Scheu.«

»Hunger«, wiederholte Helma. Sie setzte sich neben Melissa und zupfte an der blauen Haarsträhne. Dann wischte sie ihre Finger, ohne nachzudenken, wieder an ihrer Hose ab. Ihre langen braunen Resthaare hatte sie kunstvoll zu einem Bienenkorb hochgesteckt, viele Klammern und Gummis hatte sie dafür gebraucht. Sie schüttelte den Kopf.

»Ich hab noch nie davon gehört, dass es hier bei uns Wölfe geben soll.« Helma schluckte. »Es hat zumindest noch nie jemand einen gesehen. Aber wenn dein Vater vielleicht einen Hund gesehen hat?«, schlug sie vor. »Vielleicht einen Schäferhund. Der vom alten Bader läuft doch immer im Wald herum und jagt sogar.«

Melissa zog die Nase hoch.

»Mein Vater sagt, er war grauer als ein Schäferhund. So richtig grau. Und er weiß, was er sagt, er ist ja oft im Wald. Den Hund vom Bader kennt er auch.«

»Er ist ja oft im Wald«, äffte Moritz sie nach und drehte seine Schultern hin und her. »Und den Hund vom Bader kennt er auch.« Es war nicht zum ersten Mal, dass Moritz über Melissa herzog.

»Abscheuliches Ekel!«, rief Helma zu ihm hin.

Melissas Mundwinkel zuckten. Helma sah, wie Melissa sich anstrengte, Moritz nicht anzusehen, aber das Unheil zog schon herauf.

»Bei uns gibt es noch keine Wölfe«, sagte sie, das war nicht eben geschickt, aber es fiel ihr auf die Schnelle gerade ein, »nur im Osten sind sie eingewandert, sonst sind sie in Sibirien und in Afrika oder Äthiopien und in Polen, glaub ich.« In der Bibliothek suchte Helma am liebsten die Tierbücher heraus. Und gerade im Moment beschäftigte sie sich mit Wölfen. Vor allem mit den äthiopischen, die eine sehr lange Schnauze hatten und braun waren und sehr schöne Tiere.

»Wartet mal«, sagte sie und kramte in ihrer Tasche. Aber für das Klassentreffen hatte sie natürlich ihr derzeit liebstes Tierbuch nicht mitgenommen. »Ist es nur ein einzelner Wolf oder ein ganzes Rudel?«, fragte sie. »Hat er geheult?«

Als ob es das Stichwort gewesen wäre, fing der dicke Moritz an zu heulen wie ein Wolf und der lange Florian, der sowieso immer alles mitmachte, was Moritz anfing, fiel drei Töne höher ein. Die anderen Jungen heulten natürlich auch gleich alle mit.

Da war es aus. Melissa schluchzte. Und weil sie kein Taschentuch hatte, gab ihr Ruth das von ihrer Mutter, blütenweiß und zusammengefaltet und aus Stoff. Normalerweise gab sie es nie heraus. Aber das hier war wohl eine ganz besondere Situation.

 

Niemand hatte bemerkt, dass Frau Brahmsen gekommen war. Die Kinder erschraken, als sie in die Hände klatschte und rief:

»So, bitte alle mal herhören ... Was ist denn los?«, unterbrach sie sich.

Melissa schniefte.

»Melissas Vater hat einen Wolf gesehen«, sagte Ruth schnell.

»Und deshalb weinst du?«, fragte die Lehrerin Melissa.

Melissa wischte sich mit dem Handrücken über die Nase.

»… und Moritz und Florian haben sie geärgert«, ergänzte Helma den Satz.

»Immer dasselbe«, meinte Frau Brahmsen. Sie schlug mit der Hand auf den Tisch. »Wir wollen uns hier doch vertragen und ernsthaft miteinander arbeiten und vorbereiten und ihr zwei stört.«

»Gar nicht«, wollte Moritz sich herausreden.

»Ich will gar nicht wissen, warum. Schluss jetzt!«, rief Frau Brahmsen. »Das besprecht ihr später. Nachher.«

Sie schickte Moritz und Florian nach hinten, wo sie die Tische zusammenstellten, um den Stoff auszulegen, und die Mädchen sollten sich für eine Musik zu ihrem Tanz entscheiden. Neben dem CD-Spieler lagen schon CDs und Frau Brahmsen hatte noch mehr mitgebracht. Alle sprachen aber durcheinander und konnten sich nicht auf ihre Aufgaben konzentrieren, denn die Sache mit dem Wolf war höchst interessant, und da sie sich nicht so leicht beruhigen ließen und Frau Brahmsen einen Wolf hier im Odenwald auch nicht vermutet hätte, erkundigte sie sich näher, was passiert war.

»Alle Achtung«, sagte sie dann.

Der Nachmittag ging friedlicher zu Ende, als er angefangen hatte. Frau Brahmsen jedenfalls war zufrieden, dass alle bis zum nächsten Mal eine Aufgabe übernommen hatten, und schickte sie nach Hause.

 

Helma und Melissa hatten sich ein Lied ausgesucht, zu dem sie tanzen wollten, und Ruth sollte dabei auch mitmachen. Ruth war die Neue. Sie war mitten im Schuljahr in die Klasse gekommen. Das war noch nicht lange her. Deshalb hatte sie sich noch nicht so richtig mit jemandem anfreunden können. Helma konnte sich gut vorstellen, warum ihr das so schwer fiel. Das konnte ja gar nicht einfach sein. Alle aus der Klasse kannten sich schon seit der Kindergartenzeit, so hatten sie schon einiges zusammen erlebt. Die Freundschaften waren fest geschlossen und besiegelt. Bei ihr und Melissa zum Beispiel. Sie hatten sich ewige Freundschaft geschworen. Es war für eine Neue natürlich schwierig, ein Mädchen zu finden, mit dem sie Freundschaft schließen konnte, wenn das Mädchen schon eine beste Freundin hatte.

 

Helma wartete an der großen Treppe am Eingang des Schulgebäudes auf Melissa. Sie wollte noch mehr über den Wolf erfahren, aber Melissa ließ sich anscheinend Zeit. Ruth brachte die Tüte mit den CDs, die Helma vergessen hatte, und gab sie ihr.

»Danke«, sagte Helma.

Sie blickte über den Schulhof auf die Straße. Es fuhren jetzt viele Autos vorbei, typisch für fünf Uhr abends, wenn die Väter nach Hause kamen. Manchmal fuhr auch ein Auto auf den Schulhof, um zu parken, denn nebenan hatte der Bäcker seinen Laden.

Melissa ließ weiterhin auf sich warten.

 

Die Hauptstraße durchschnitt das Dorf in zwei Hälften und links und rechts von ihr erhoben sich Berge. Helma, Melissa und Ruth wohnten auf der Seite, wo auch die Schule stand, und die bis zum Sonnenuntergang schattenlos Licht hatte. Helma schaute prüfend zur Kipp hinauf, die auf der anderen Seite lag. Weit oben, weit hinter den letzten Häusern, die den Berg hinauf gebaut waren, und noch hinter dem Handymast stand das Schützenhaus. Zwar konnte sie es nicht sehen, denn es lag mitten im Wald, aber wahrscheinlich schnürte der Wolf dort gerade durchs Unterholz.

»Unheimlich, nicht?« Ruth war zu Helma getreten. »Ob er gerade über den Tennisplatz läuft?«

»Ich würde ihn gern sehen«, sagte Helma, »wenigstens ein Mal.« Sie schlenkerte mit der Tüte.

Endlich kam auch Melissa. Die drei liefen gemeinsam nach Hause, an der Kirche vorbei und den Berg hinauf. Es war warm um diese Tageszeit, der Sommer schien nah.

»Und er hat ihn auf der Kipp gesehen?«, hakte Helma bei Melissa nach. »Ausgerechnet gerade jetzt, wo wir unser Fest oben im Schützenhaus feiern wollen?«

»Was meinst du, ob das was ausmacht?«, fragte Melissa zurück.

»Ach, warum sollte das was ausmachen?«, meinte Helma. »Da kommt dann nur der Wolf zu Besuch, wenn wir tanzen, und tanzt eben mit.«

Melissa hob die Schultern. »So ist es nun mal«, meinte sie.

Die Mädchen blieben beim Briefkasten in der Kurve stehen. Hier musste Melissa abbiegen. Sie sah auf ihre Uhr.

»Ach herrje, ich muss sofort nach Hause, es gibt gleich warmes Essen«, sagte sie.

»Wollen wir uns nach dem Essen noch einmal treffen?«, fragte Helma.

»Yep.« Melissa rannte los.

»An der Bank am Waldrand, um sieben«, rief Helma ihr nach. Melissa nickte, während sie rannte, sah aber nicht mehr zurück.

»Und du«, wandte Helma sich an Ruth, »kommst du auch noch mit?«

Ruths Brille war auf die Nasenspitze gerutscht.

»Ja gern«, sagte sie und zog die Brille ab. Sie strich sich mit der flachen Hand über die Augen.

Ruth wohnte eine Straße weiter unten als Helma. Hier, an der großen Tanne bei Priewitzens Haus, wo Moritz wohnte, trennten sich ihre Wege. Helma drehte sich um. Moritz das Ekel war zum Glück nicht zu sehen.

Ruth zögerte. »Interessierst du dich schon lang für Wölfe?«, fragte sie schließlich.

»Ich finde die äthiopischen am schönsten«, sagte Helma. »Sie haben fast ein Fuchsfell, so von der Farbe her. Und sie sind schön schlank.«

»Und ihre Gesichter sind so edel«, ergänzte Ruth.

Helma nickte.

»Darf ich deine Freundin sein?«, fragte Ruth. »Obwohl, du hast ja schon Melissa.«

»Macht nichts. Klar«, strahlte Helma und warf die Hand hoch, »schlag ein.«

»Und außerdem besitzen Wölfe viel Mut«, sagte Ruth.

Der Wind brachte einen Stoß Waldluft mit, als er Helmas Bienenkorbfrisur durcheinanderwirbelte. Helma blies ihre blaue Haarsträhne von der Nase weg.

 

 

 

 

Der Entschluss


Zu Hause fand Helma ihre Mutter mit der Nachbarin im Treppenhaus. Frau Bergmann stützte sich auf den Besen, während die Nachbarin an den Türrahmen gelehnt stand. Sie reden bestimmt über den ständigen Dreck von den Kindern, vermutete Helma, die Nachbarin würde gleich seufzen und »die Kleinen sind heutzutage besonders schlimm« sagen. Aber diesmal schien es ernst zu sein.

»Muss man sich denn jetzt Sorgen machen?«, fragte Frau Bergmann.

Die Nachbarin sagte, sie habe gehört, dass der Gemeinderat tagen würde, eine Sondersitzung sei einberufen worden. Am nächsten Tag schon. So etwas sei ja noch nie da gewesen. Der Gemeinderat sei jetzt gefragt, habe ihr Mann gesagt.

Helma hielt den Atem an. Der Mann der Nachbarin war der Förster.

»Geht es um den Wolf?«, fragte sie

 

 

(...)

© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de