Harry, der Sommer und ich

Frank Barsch
Harry, der Sommer und ich

Roman


Inhalt

Kapitel 1: Wie Gott nur soviel Lumpenpack erschaffen konnte
erzählt von meiner Ankunft in Göttingen und
wie ich drei schöne Frauen treffe.

Kapitel 2: Vor dem Gewitter
fängt harmlos an, bis Harry und ich
in eine ehrenwerte Gesellschaft geraten und
gerade noch mal mit dem Leben davon kommen.

Kapitel 3: Die Skulpturen von Moore
spielt hauptsächlich in Goslar, obwohl
vor lauter Nebel von der Stadt kaum etwas zu sehen ist.

Kapitel 4: Ein Irrer zu viel
erzählt vom mühsamen Aufstieg
und endet märchenhaft.

Kapitel 5: Der König der Zeit
spielt auf dem Brocken, der ist ein Zauberberg
und der Höhepunkt der Reise.

Kapitel 6: Ein Geruch von Feuer und Wald

ist kurz und führt auf die letzte Seite.

 

 

Kapitel 2
Vor dem Gewitter

Im Morgenlicht lege ich den Schlafsack zusammen. Die Zeit hat so eine eiernde, unregelmäßige Art. Ich bin, was ich sehe und höre. Ich gehe. Vier Schritte einatmen, vier Schritte ausatmen. Die Vögel sind still. Schon länger, oder plötzlich? Ist das bedenklich? Tatsächlich. Eine Stille, die man hören kann. Niemand da, mit dem ich meine Gedanken teilen könnte. Vielleicht sollte ich mir jemanden erfinden. Solange ich nicht laut mit ihm rede.
Harvey?
Zu abgedroschen.
Humprey. Ein anderes Rollenmodell.
Harry!
Was würde Harry sagen?
»Es wird Regen geben.«
»Es bleibt schön«, antworte ich.
»Es gibt Regen, du wirst es erleben.«
»Es bleibt schön«, sage ich.
»Guck mal da, der Himmel verfärbt sich.«
»Das will nicht viel heißen.«
»Morgenrot. Das weiß jedes Kind.«
Harry schaut mich herausfordernd an. Und ich schaue wohl etwas skeptisch zurück.
»Was ist Romantik?«, fragt er.
»Das fragst du mich?«, antworte ich.
»Ja, dich.«
»Ich glaube, meine Jugend war romantisch. Nach diesem 68er-Dings-Bumms, die Ökobewegung, Hippies, Neue Innerlichkeit, Natur, Spiritualität.«
Er verzieht schmerzhaft das Gesicht. »Jede Jugend ist romantisch. Wenn dir sonst nichts einfällt«, setzt er herablassend hinzu, »versuch es mal mit einer Definition.«
»Kein Problem«, sage ich eifrig. »Also: Sprengung der Geschlossenheit des klassischen Humanitätsideals durch die Subjektivität des Empfindens, der Phantasie und des Humors. Mythische Erfahrung göttlicher Mächte, das Wissen von der Ausgesetztheit des Menschen in einer unenträtselbaren Wirklichkeit.«
»Von Verben hältst du nicht viel.«
»Das Verb«, sage ich, »wird überbewertet.«
Harry hat die längsten Wimpern, die ich je bei einem Mann gesehen habe. Dazu große Augen, ein schlankes Gesicht, fast wie Kafka, aber die Haare glatt nach vorn gekämmt, wie Cäsar. Julius Kafka. Er stellt seinen Fuß einer schwarzen Nacktschnecke in den Weg.
Stolz fahre ich fort: »Eins zu sein mit allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden, das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe.«
»Hm. Ist der Harz mit seiner Tannenmonokultur und Bergbaulandschaft für diese Art der Romantik nicht denkbar ungeeignet gewesen?«

(...)



Kapitel 4
Ein Irrer zu viel


(...)

Über den Goldberg

Wir bleiben am Waldrand, gehen es langsam an, laufen parallel zum Hang. Im Tal das Rauschen einer Welt, in der sich die Menschen gegenseitig antreiben. Über uns die stoischen Wälder. Ein kühler Wind weht heraus, als wolle er uns die Augen öffnen und den Kopf frisieren. Ich denke an den Garten in Goslar. Die Vögel hüllen uns in einen Sound aus Gospel und Soul. Auf den Wiesen lecken Rehe den Tau vom Gras und ich fühle mich nicht mehr getrennt.
Harry schaut mich ab und zu belustigt an.
»Das ist schön«, sagt er, betont es aber wie eine Frage.
Ich nicke. Sprechen entzaubert.
»Ein paar Tage und Nächte im Wald.«
Ich nicke erneut.
»Was sagt uns das?«
Ich zucke mit den Schultern.
Er lacht. Und schweigt. Und geht.
Wir passieren die Oker. Neben dem Fluss ein Gedenkstein. Ihr andern singet und spielt. In seinen Häuschen am Waldrand stapelt das Volk Holz für den Winter. Kiesklippen im Tal, Eiszeitgeschiebe. Ein Schild weist uns den Weg Richtung Goldberg. Harry schnalzt mit der Zunge. Da, denke ich, werden Dublonen gemacht. Und überall springt fröhlich das Wasser talwärts an uns vorbei. Wo der Wald in Felder und Wiesen übergeht, stehen einzelne knorrige Eichen. Ihre gewaltigen Äste und unzähligen Zweige fühlen in die Ebenen hinein. Die Wächter eines geheimen Reichs, dem sie schon seit hunderten von Jahren die Stimmungen melden, die aus der Ebene aufsteigen.
Ein Golfplatz. Langsam treten wir wieder ein in das Treiben der Welt. Gartenstadt, Vorstadt mit Villen, Panoramafenster. Gelbe Säcke säumen den Weg, Garagen, größer als jede Köhlerhütte. Menschen mit Plastiktüten picken hinter ihren Hunden große und kleine Scheißhaufen auf. Alles so artig, so bellevue.
»Seltsamer Menschenschlag hier«, sagt Harry. »Menschenschlag. Sagt man doch so.«
Er hat heute einen gesprächigen Tag.
Ich nicke, auch wenn es keine Frage war und er redet weiter.
»Selbst die Römer, die sich alles unter den Nagel reißen wollten, haben hier um die Gegend einen großen Bogen gemacht. Und dann die Sachsen. Was für ein Gezerre mit den Franken. Kaum missioniert und christianisiert, schon werden die Ablasshändler erschlagen: Reformation, lutherische Hassprediger, knallharte Selbstgeißelung und soziale Kontrolle. Aber immer wieder bricht dieses Eulenspiegelhafte durch. Menschenschlag. Als ob du immer mit zweien gleichzeitig sprichst.«
Ich nicke.
»Würde mich nicht wundern, wenn hier plötzlich hinter einem Baum ein Druide hervorspringt, weil er ein Loch in die Zeit gezaubert hat.«
»Vergiss die Hexen nicht.«
Er nickt, schaut zu dem Parkplatz vor einem Supermarkt hinüber, wo die Frauen ihre Einkaufswagen zu den Autos schieben.
»Das könnte man als frauenfeindlich interpretieren.«
»Aber nur, wenn man davon ausgeht, dass sich dein Satz und mein Blick aufeinander beziehen. Und, wenn man von Geschichte gar keine Ahnung hat.«
Ich nicke.
Wir kratzen die Kurve, durchmessen schnellen Schrittes den Kurpark und kehren Bad Harzburg den Rücken zu. Es geht bergauf. Es wird warm. Da ist er wieder, dieser goldene Glanz.

Ich sitze auf einer Bank und schaue über die Stadt hinweg in die Ferne. Von hier aus betrachtet, ist alles fern und gleichzeitig nah. Wolfenbüttel, die Asse, Kneitlingen, der Elm und dann wird es flach. Tiefgrüne Wälder, hellgrüne Wiesen und gelbe Felder, ein paar Schornsteine. Harry ist hinter einer Baumgruppe verschwunden. Er kennt sich wirklich gut aus mit diesen Survival-Geschichten. Er hat mir gezeigt, wie man im Wald richtig kackt. Nicht einfach hinhocken, nach dem Donnerbalkenprinzip. Nein, echt elegant. Du suchst dir einen dünnen senkrechten Baum, stabil genug, dich zu halten und dünn genug, dass du ihn mit beiden Händen umfassen kannst. Hose runter, eine entlastete Hocke, und schwups.
Neben mir sitzt plötzlich wieder der Glatzkopf mit der Brille. Ich reibe mir demonstrativ die Augen. Als ich sie wieder öffne, ist er immer noch da. Er geht gar nicht auf meine Körpersprache ein. Das geht zu weit, denke ich. Vielleicht liegt es an der Sonne.

(...)



Das Leben ein Traum

Als wir am Torfhaus aus dem schwülen Wald treten, schlägt uns eine tropische Hitze entgegen. Kein Windhauch, ein weiter Himmel, mit einer stechenden milchigen Sonne über einem langgezogenen Parkplatz, auf dem Abgase wabern und der Essensgeruch des Massentourismus. Fleisch und Soße und Pommes. Es ist Mittag. Mir läuft der Schweiß. Hitzewellenglanz, um mich zittert die Welt.
Ich erinnere mich, Kindheit: Brockenblick über die Grenze. Wir hier, die da. Wem was nicht passte, der konnte ja nach Drüben gehen. Der Boden schwankt. Ende der westlichen Welt. Vergangenheit, Blick in den Abgrund, einen Mahlstrom, in dem irgendwas kreist. Was war und was hätte nicht alles ... Was ist? Das wirbelt, das dreht sich. Du bist nicht schwindelfrei, schaust trotzdem von deiner kleinen Klippe herab, deinem winzigen Hier und schwindenden Jetzt.
»Sieh dich um!« Harry zeigt mit einer umfassenden Bewegung auf unser Ambiente mit gleißenden Autos. »Ich bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. Wo alle fahren, geht es sehr schlecht. Sieh dich um! So wie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt. Man kann niemandem mehr fest und rein ins Angesicht sehen.«
Irgendwie ist mir schlecht und Harrys verschraubtes Gerede macht es nicht besser. Ich sollte mich irgendwohin setzen. In den Schatten. Weg von diesem baumlosen Asphalt. Aber Harry geht weiter. Ich hinterher. Er ist unglaublich fit. Ein Menschenauflauf, die Leute halten ihre Smartphones hoch und fotografieren. Ich bin zu schwach, um neugierig zu sein. Trotzdem trotte ich mit. Auf dem Parkplatz steht ein Kleintransporter. Und auf der Ladefläche, in einer braunen, klebrigen Erde, in der schon seine Füße verschwunden sind, steht ein Mann, reckt die rechte Hand mit einem grellen bengalischen Feuer über den Kopf, von dem rote, grüne und gelbe Dreadlocks abstehen wie eine Krone oder wie die Kappe mit zwei Spitzen. Daran kleine Schellen, die bei jeder seiner Bewegungen spöttisch klingeln.
»Noch ein Irrer«, sagt Harry
»Noch?«, frage ich schwach.
Er grinst mich mit seinem schönsten Ausdruck von Selbstzufriedenheit an. Aber auch auf seiner Stirn stehen Schweißperlen. Mittlerweile sind wir so nah, dass wir verstehen können, was der Mann redet. Als ich den Rucksack langsam zu Boden sinken lasse, kommt es mir vor, als wolle mich sein Gewicht widerstandslos durch den weichen Straßenbelag ziehen und darunter wäre etwas Beängstigendes, das sich wie mein Inneres anfühlen wird.
Er habe, setzt der Mann mit der Fackel gerade neu an, er habe diese saftige schuldschwarze Erde, ‘ne richtige Schmatzerde, von seinen Vorfahren geerbt. Also stünde er in seinem Erdreich, in seinem lockeren Eiland oder elenden Festland. Das sei mal klar.
Beim Reden wühlt er sich mit den Füßen immer tiefer in die Erde hinein. Seine Knöchel verschwinden, und mit jedem Strampeln ein Stück von den Waden. Von der Fackel sprüht gelbes Feuer und gelber Rauch. Und der Rauch schwebt über dem Wagen, sinkt herab und hüllt seine Zuhörer ein.

(...)

 

Kapitel 6
Ein Geruch von Feuer und Wald

Am Morgen höre ich den Wald in all seinen Einzelheiten. Ich rieche wie ein Köhler. Mein Thema, denke ich, hat sich entwickelt. Harry kommt nackt und pfeifend aus dem Wald.
»Da hinten ... ein kleiner Teich, na, eher eine große Pfütze. Zum Wachwerden ... genial.«
Warum nicht. Ich krabbele aus dem Schlafsack. Der Himmel ist blau. Ich fühle mich frei. Das Wasser steht in einem hausgroßen Felsen wie in einer Wanne. Ich ziehe mich aus. Die Luft ist kalt und das Wasser noch kälter. Ich tauche ein. Die Kälte füllt mich mit Klarheit. Ein Gefühl, als würde ich schweben.


Ilse, Ilse

Wir packen. Beim Gehen rütteln sich durch den Rhythmus der Schritte ein paar Sätze zusammen: Kopfüber hängen die Kronen der Bäume ins Blau. Verwoben fühlt man sich kostbar an so einem Tag, viel zu schade zum Schreiben. Äste, die sich im Brustkorb verzweigen. Die Luft ein Versprechen. Die Berge mit ihrem Regen und ihrem rieselnden Wasser. Abwärts komme ich leichter voran.
Harry sieht nachdenklich aus. »Diejenigen«, sagt er, »die ein Teil der Maschine sind, sind unvergleichlich mehr, als diejenigen, die frei in der Welt leben. Aber man muss nicht alles, was der, der ein Teil der Maschine ist, sagt, für wahr halten. Denn er wird mit der Notwendigkeit argumentieren.«
»Aber wie kann ich gegen Notwendigkeit argumentieren?«
»Indem du sie leugnest.«
»Und womit fange ich an?«
Er lächelt und legt mir die Hand auf die Schulter.

Wir. Wir gehen.

Steine
Steine und Moos

Moos
Moos und Bäume

Steine
Steine und Bäume

Steine und Bäume und Moos
und eine Quelle

Die Luft wie poliert, der Himmel ein zerbrechliches Blau. Alle Umrisse scharf, die Welt ist aus Glas. Der Tag eine Ordnung, deren Sinn ich nicht mehr durchschaue. Lieblich rauscht das unterirdische Gewässer, nur hier und da blinkt es und endlich springt eine kleine Welle entschlossen hervor. Ein Bächlein, das in unzähligen Wasserfällen und in wunderlichen Windungen das Bergtal hinabrauscht. Um uns herum gluckert es und von den Hängen echot das Gluckern vielstimmig zurück. Wasser wird, wenn man es länger betrachtet, unbegreiflich. Das war Nebel, Regen und Schnee. Dass daraus so was Geschmeidiges wird, so eine Gewalt, die auf ihrem Weg nach unten alles umspült, verschiebt, mitreißt, und dabei murmelt, flüstert und grollt.
Gibt es, um das Geräusch von Wasser zu beschreiben, noch etwas anderes als Bilder, die aus ihm etwas Lebendiges machen? Dieses Gluck-Gluck und Schipitschpitsch, dieses tiefe Uupuup und Tschipu. Wasser, das auf fließendes Wasser fällt, klingt anders, als Wasser, das auf stehendes Wasser fällt. Je tiefer das Wasser, desto dumpfer der Klang. Da reicht meine Sprache nicht aus.
Der Sand auf dem Grund der Ilse glitzert in der Sonne.
Ich gehe und staune.

(...)

© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de