Julia am Eisenofen

Ingrid Samel
Julia am Eisenofen

Roman

 

Prolog

Auf dem Weg zur Schule war Julia von Stein zu Stein gehüpft. Endlich, der erste Schultag!
Wie alle Kinder setzte sie sich still auf den ihr zugewiesenen Platz im Klassenzimmer und wartete. Dann gaben alle an, wie sie hießen, wo sie wohnten, Namen der Eltern, was der Vater arbeitete. Der alte Mann vorn am Pult führte seinen Stift sorgsam über das Papier. Dann kam sie an die Reihe.
»Beruf des Vaters?«, fragte er.
»Erfinder.«
Der Lehrer schaute auf. »Was erfindet denn dein Vater, mein Kind?«
»Dass er da ist.«
Ein allgemeines Gelächter war diesem Satz gefolgt. Doch es stimmte, Julia hatte keinen Vater mehr – nur einen, von dem sie sich manchmal vorstellte, dass er noch da wäre, und mit dem sie Gespräche führte.
»Was hättest du gesagt, wenn du an meiner Stelle gefragt worden wärst?«, hatte sie den Vater am selben Abend noch gefragt, während sie sich die Zähne putzte.
»Ich hätte das Gleiche gesagt wie du«, hatte er geantwortet. »Dein Vater ist Erfinder.«


2

(...)

Julia war spät dran. Sie fuhr in hohem Tempo auf ihren Firmenparkplatz zu und stoppte fünf Zentimeter vor dem grauen Schneeberg an der Hauswand.
»Oh!« Krügers hageres Gesicht tauchte plötzlich neben ihr auf. »Jedes Mal, wenn ich Sie sehe, bin ich fasziniert, wie elegant Sie hier hereinfahren, Frau Kemper.«
Julia lächelte frostig.
»Sie fahren bestimmt genauso gut wie ich«, entgegnete sie. Nur keine Unruhe zeigen. Sie war eben schnell gefahren.
Krüger lachte laut auf, während Julia um den Zweisitzer ging. Er überfiel sie in der letzten Zeit ständig mit seiner hämischen Freundlichkeit. Und jetzt hielt er ihr mit einer Verbeugung die Tür auf. Nacheinander betraten sie das Gebäude der Molkerei Knöpfle.
Für den Tag waren Werbeaufnahmen geplant. Im Büro nahm Julia die letzten Aufnahmen der neuen Joghurtbecher vom Tisch, betrachtete sie und warf sie dann unschlüssig zurück. Verbannte alle Gedanken an die kurze Nacht. Und hatte auch keine Zeit dazu, länger nachzudenken, denn Christa kam herein, jonglierte ein paar Mappen auf dem Unterarm und legte sie vor Julia auf den Schreibtisch. Ihr glockig fallender schwarzer Rock endete über dem Knie. Julia fand, dass sie das bei ihren Beinen noch gut so tragen konnte.
»Guten Morgen!«, sang Christa in ihrem Alt. »Hast du das im Kopf, dass für heute das Model bestellt ist?« Damit verschwand sie auch schon wieder.
Julia setzte ihre Brille auf, nahm die Mappen in die Hand und blätterte sie durch. Die Aufnahmen schienen ihr ohne Konzept. Sie nahm sich vor, mit dem Fotografen zu sprechen. Das musste besser abgestimmt werden. Frische. Darauf zielte es doch ab beim weißen Sortiment, bei Joghurt, Quark und Co. Julia griff zum Telefon. Es war aber noch zu früh, zum Aufnahmestudio zu fahren. Sie lief hinaus und überrannte dabei Krüger fast.
»Um halb elf alle in den Konferenzraum«, sagte er schnaubend und fing sich eben noch, »ich wollte gerade zu Ihnen.«
Etwas schien ihr ins Auge gefallen zu sein. Julia nickte Krüger zu und steuerte die Toilette an, rettete sich vor den Spiegel, tupfte sich eine Wimper aus dem Auge und war vom Schmerz befreit. Dann machte sie sich an die Reparatur des Make-ups, als sie Christa bemerkte, die neben ihr stand.
»Knöpfle ist völlig aufgelöst«, sagte diese.
Julia sah auf die Uhr. Halb zehn. Allein der Beleuchter war vielleicht schon im Studio. Sie dankte Christa und ging direkt zu Knöpfle. Auf ihr Klopfen hin wurde die Tür von innen aufgerissen. Die beiden Geschäftsführer der Molkerei, Knöpfle und sein Sohn standen beisammen. Knöpfle legte seine Krawatte sorgsam auf dem Rundbauch zurecht, er war rot angelaufen.
»Gut, dass Sie kommen, Julia«, empfing er sie und schloss hinter ihr die Tür, »mir müsset uns sofort bespreche.«
Die anderen machten ernste Gesichter.
»Wir haben Müller angezeigt.«
»Den Geschäftsführer in der Slowakei?«





5

(...)

Fredrick überflog die Wirtschaftsnachrichten aus dem Ticker. Er musste etwas finden. Etwas, was einem den Boden unter den Füßen wegzog. Fieberhaft suchte er nach einem Anhaltspunkt.
Guter Journalismus zeichnete sich für ihn dadurch aus, dass man etwas wagte, und er war bester Absolvent seines Jahrgangs gewesen. Wer fetzig schreibt, braucht ein fetziges Thema, er würde es bringen. Auch um Gruber zu zeigen, dass er fähig war. Seinen letzten Artikel hatte der ihm zurückgegeben und ihn unter einem anderen Aspekt nochmal schreiben lassen. Das drückte.
Was war das heutige Thema? Fredrick war nur noch damit beschäftigt. Die Sitzung interessierte ihn nicht. Kurz bevor Gruber das Meeting beenden wollte, fiel sie Fredrick in die Augen: eine kleine Notiz. Ein Geschäftsführer war beurlaubt worden. An sich keine Sensation. Aber Fredrick hob elektrisiert die Hand.
»Halt. Da könnte etwas dahinterstecken«, sagte er und fügte leicht verwundert hinzu: »In einer slowakischen Molkerei. Ich kenne sie.«
Gruber sah interessiert herüber. »Was Erfreuliches?«
»Mal sehen. Vielleicht steckt etwas dahinter. Ich gehe der Sache jedenfalls nach.«
Fredricks Ehrgeiz war geweckt. Er durchsuchte nun die Meldungen weiter. Irgendetwas war da los. Vielleicht kam auch noch etwas dazu. Wirtschaft und Erotik verbanden sich doch schon das eine oder andere Mal. So weit hatte sich ein Gedanke schon verfestigt, als er am Schreibtisch saß und in dieser Richtung weitersuchte. Er würde es finden, groß herausbringen, egal, was es war.


7

(...)

Knöpfle bestellte Julia zu sich und warf die Zeitung mit dem Aufmacher vor ihr auf den Tisch.
»Was ist das?«, fragte er. »Julia, ich habe Ihnen vertraut. Wie können Sie mich so hintergehen!«
Julia fühlte einen Kloß im Hals. Sie war außerstande, etwas herauszubringen oder auch nur zu sagen, dass sie von alldem nichts gewusst hatte.
»Sie sind meine beste Führungskraft, Julia. Aber so was kann ich nicht haben. Sie können die Firma nicht mehr vertreten, nicht in der Öffentlichkeit. Sie sind raus.«
Julia konnte Arbeit und Privates durchaus voneinander trennen. Aber offensichtlich musste sie das Knöpfle gegenüber auch ausdrücken. Vor allem musste sie sofort reagieren.
»Ich wusste nichts davon. Weder inhaltlich, noch dass mein Mann so etwas schreiben wollte. Bitte glauben Sie mir. Ich will ihn auch nicht rechtfertigen, ich spreche für mich. Und ich tue alles, damit es der Firma gut geht.« Julia zögerte. »Ich kann ein Statement abgeben, auch gegen meinen Mann«, sagte sie dann zögernd.
Es blieb lange still zwischen ihnen. Julia kannte Knöpfle. Er würde sich jetzt entscheiden. Sie konnte nichts mehr tun. Sie hatte alles auf eine Karte gesetzt. Auf den Job. In diesem Moment spielte Fredrick keine Rolle. Als er ihr einfiel, wischte sie den Gedanken beiseite.

(...)


16

»Darf ich Ihnen Boris Laszlo vorstellen? Er ist ein guter Freund der Familie. Und ein Kämpfer für unsere Rechte.« Urban lachte ein wenig. »Boris spricht deutsch«, fügte er hinzu.
Boris Laszlo hatte ein Lächeln in den Augenwinkeln, als er ihre Hand an die Lippen führte. Es irritierte sie nicht, es passte zu ihm. Er war vielleicht Ende vierzig, Anfang fünfzig. So groß wie sie. Julia fand ihn angenehm.
»Meine Hochachtung«, sagte Boris Laszlo mit starkem Akzent und setzte in bester Grammatik fort: »Ich freue mich, Sie endlich kennenzulernen.«
»Ich wusste nicht, dass Herr Urban noch jemanden eingeladen hatte«, sagte Julia ausweichend und zog ihre Hand zurück. »Ein Kämpfer für die Rechte?«
»Scheidungsanwalt«, meinte Boris Laszlo trocken.
Sie sah kurz zu Urban hin, der zu einem Schrankboard, wie man es in Deutschland in den fünfziger Jahren gehabt hatte, gegangen war und bereits ein Glas in der Hand hielt.
»Einen Martini?«, fragte er.
Julia hatte auf einmal das Bedürfnis, sich zu setzen. Nach dem ersten Schluck und einem »Cheers!«, das sie sich zuprosteten – Laszlo und Urban gaben noch ein »Na zdravie!« hinterdrein, ließ sie sich in den weichen, ausufernden Sessel gleiten und achtete darauf, dass ihr Rock ordentlich die Knie bedeckte.
Doch Julia stand gleich wieder auf. Die Hausherrin tauchte auf, eine kleine Frau in einem Cocktailkleid mit großen bunten Blumen auf schwarzem Untergrund. Sie sagte irgendetwas Nettes auf Slowakisch. Urban übersetzte. Julia fühlte Boris Laszlos Blick auf sich gerichtet.
Der Abend verlief in freundlichem Austausch von Höflichkeiten, wobei die Urbanova es sich nicht hatte nehmen lassen, ein ganzes Kaninchen aufzutischen.
Der ruhige Blick Boris Laszlos. Wie zum Schutz spannte sie die Muskeln an. Sie redeten wenig über die Molkerei, lobten sehr das gute Essen, und als Boris Laszlo von seinem letzten Scheidungsfall erzählte, hörte Julia ihm zum ersten Mal richtig zu. Sie ertappte sich dabei, dass sie bis dahin nur seiner Stimme nachgespürt hatte, er hatte einen dunklen Ton. Sie hätte ihm stundenlang zuhören können, ohne seinen Worten folgen zu müssen.
»Sind Sie verheiratet?«, wandte Boris Laszlo sich abrupt an Julia. Sie starrte ihn wortlos an. Er lachte. »Entschuldigen Sie, in diesem Fall gibt es nämlich mehrere Möglichkeiten, sich vor einer Scheidung abzusichern, im Fall meines Mandanten ist ihm tatsächlich nichts geblieben. Aber ich wage zu behaupten, dass sich die alte Feudalherrschaft bei seiner Frau, seiner ehemaligen Frau, noch einmal gezeigt hat.«

(...)

Julia hoffte, dass man die Schweißperlen auf ihrer Stirn nicht sah.
»Als Scheidungsanwalt sage ich, dass die Ehe eine gute Einrichtung ist. Ich lebe davon, wenn sie scheitert. Als Katholik sage ich: Die Ehe ist eine gute Einrichtung, und mich dürfte es nicht geben.«
Julia lächelte und setzte sich aufrecht hin.
»Entschuldigen Sie«, sagte Laszlo noch einmal und wandte sich dann wieder Urban zu. »Ehen, die ausein¬andergehen, sind immer schlechte Verbindungen gewesen. Es ist aber interessant, wie Leute sich scheiden lassen, und es ist nie ein einfacher Weg. Ich komme mir in diesen Scheidungskriegen vor wie einer, der alles stellvertretend aushalten soll. Danach muss sich das Leben wieder neu ordnen. Ihr Mann«, fügte er nach einer Atempause an Julia gerichtet hinzu, »ist ein Glückspilz, dass er mit Ihnen zusammen sein darf.«
Vielleicht wurde Julia rot. Jedenfalls war eine Hitzewelle spürbar in ihren Kopf gestiegen. Fieberhaft überlegte sie, ob Urban geredet hatte, aber dann sagte sie nur verlegen: »Er hat sich daran gewöhnt.«
Frau Urbanova klatschte in die Hände.
»Lassen wir das Essen mit einem kleinen Slibowitz fröhlich ausklingen!«, meinte Urban. Er holte kleine Gläser und schenkte Schnaps ein.
Laszlo bestand darauf, Julia zurück ins Hotel zu fahren. Unterwegs sprachen sie nur über Belangloses, aber als er sie mit diesen unglaublich hellen Augen ansah, spürte sie ein Ziehen im Nacken, und die Wand begann kurz zu schwanken.
»Besuchen Sie mich«, sagte er.
Fast unabsichtlich berührte er ihren Arm. Julia fühlte sich alt. Uralt. Doch als sie später, allein, seine Stimme noch einmal zu hören vermeinte, wunderte sie sich nicht.


35

(...)

Julia straffte ihren Körper. Einen kurzen Moment. Dann drehte sie sich um und rannte zum Auto. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie musste schnell etwas tun. Einen Arzt holen, dachte sie ... Er hat es gewusst ... Die ganze Zeit ... Einen Arzt. Ich hole den Arzt.
Der erste Kracher eines Gewitters. Sie zuckte zusammen und knickte um. Trotz des stechenden Schmerzes im Gelenk humpelte sie so schnell sie konnte weiter.
»Julia, warte!« Boris lief neben ihr. Er fasste ihren Arm. »Ich komme mit«, keuchte er.
Sie ließen sich gleichzeitig ins Auto fallen.
»Der Arzt«, sagte Julia. »Wo finde ich ihn?«
Blitze zuckten. Der Donner krachte über ihnen. Gleich würde es regnen. Julia gab Gas. Der Motor heulte auf. Die Reifen drehten durch, als sie anfuhr, Kieselsteine spritzten hoch. Sie drückte noch einmal auf das Gaspedal. Der Motor heulte wieder auf, sie trat die Kupplung und schaltete in den zweiten Gang, schnell in den dritten, vierten. Der Wagen schoss malträtiert nach vorn. Sie fuhr die Straße Richtung Banská Bystrica. Der Wind jagte jetzt Regen gegen die Windschutzscheibe, Wassergüsse liefen ab. Die Kurven. Sie nahm Gas weg, fuhr aber immer noch schnell.
»Ich führe dich hin«, sagte Boris erstickt. »Fahr bitte etwas langsamer.«
Schweißtropfen verschleierten Julia den Blick. Julia konnte die Straße kaum noch erkennen, sie wischte mit der Hand über die Augen. Im nächsten Moment sah sie hoch, fuhr zusammen, sah verschwommen den Bus, der die Kurve schnitt, drehte das Lenkrad, ein Blitz, das Auto rutschte, etwas knallte auf die Motorhaube und flog davon weg, das Auto drehte sich wie in Zeitlupe. Julia sah den Bäumen zu, wie sie sich leuchtend in hellen Blitzen um sie herum drehten.
Nach einer Ewigkeit hörte Julia Stimmen. Wie aus einem Vakuum. Oder doch nicht. Sie hörte Schläge auf der Wange, aber sie fühlte nichts. Sie versuchte, die Augen zu öffnen, es gelang ihr nicht. Sie dämmerte weg, ein Schlag ins Gesicht. Stimmen. Dann nichts mehr.

(...)

 

 

© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de