Olga Manj: Gedichte einer Ausstellung

Olga Manj
Gedichte einer Ausstellung

Lyrilk und Illustrationen

 

DAS MUSEUM VON AUSSEN /

Offen, transparent, modern. Kahlweiß,
glattweiß, quadratisch weiß in Kalk
geschlämmt. Exakt im rechtenWinkel
erbaut. Mit einem Nagel in der Außenwand.
Daran ein Plakat, im goldenen
Schnitt gesetzt. Ein Plakat von unendlicher
Betroffenheit: Das Fassadengedicht.
Es war unverständlich. Von
Sinn keine Spur. Keine Spur vor sich,
keine hinter sich, keine in sich.

Etwa so:

Pscht, woog, hmmmh,
pscht, häi, hoi, hai, pscht,
la, le, li, li, li, weil
Limes gegen Null.


(...)

 

 

 

Ein Gerät wählte eine gewaltige Schallplatte aus und legte sie auf einen zwölf Meter großen Plattenspieler. Der Tonarm senkte sich in die Rillen.

 

 

 

Ein Gesetz
macht noch keinen Frühling.
Im neonverwaisten Reichstag
fressen Tische die Sessel auf.
Computerfahnenchips schlafen in
Glaskuppelgängen. Nacktbettengeier
erfinden das Fußball-Omelett.
Pässe und Brücken mit Hungerohren.
Antragsteller durchhüpfen Bananenberge,
scharf wie Affen im Teig.
Täglich eine Tablette, aufgelöst im Zins.
Kein Grund zur Panik.
Die Tage zerbrechen in Stücke,
doch die Jahre bleiben ganz.

(...)


 

 

 

 

 

DER ABGRUND /

Ein wild gewordener Dichter stand im
Atrium des Pavillons und kreischte in
den Sturmwind, den er sich selbst
erschaffen hatte.

Ich bin der Meister zur Nachtzeit.
Und der Meister zur Nachtzeit
scheißt auf sein Publikum.

(...)


 

 

Sobald die ersten gingen, ergab sich im
Publikum ein Zwist zwischen den
Damen und Herren wegen desWetters
im Abschlussgedicht. Die Frauen gingen
mit aufgespanntem Schirm durch den
Sonnenregen, während die Männer
dieses Gehabe lächerlich fanden, denn
die Regensonne scheine doch.

(...)
 

© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de