Ulrich Pomplun: Die Sonne jenseits des Ozeans

Ulrich Pomplun
Die Sonne jenseits des Ozeans

Roman

 

 

Eisgang

Ein Knall zerteilte die glasige Luft. Weißes Wasser fuhr in die Höhe, als käme es aus einem Springbrunnen. Krachend polterten Eisblöcke auf die zugefrorene Fläche oder schlugen klatschend ins Wasser. Ein Dröhnen durchzog die ganze Eisfläche. Schwerfällig trieb das losgesprengte Eis flussabwärts, nur um sich nach einer kurzen Strecke wieder zu stauen. Auf dem Eis liefen Männer umher und stießen mit langen Stangen an die Eisschollen. So blieb die gerade frei gesprengte Rinne im Eis befahrbar.
Alexander Kilian hielt seine Frau im Arm und drehte sich mit ihr im Kreis. Als ihnen schwindelig wurde, lachten sie beide. Sie schauten flussaufwärts. Die Mittagssonne blendete und schmerzte in seinen Augen. Unübersehbar viele Menschen füllten das Ufer. Etliche liefen auf dem zugefrorenen Rhein umher, wie sie es in den vergangenen Tagen regelmäßig getan hatten. Auf dem Eis standen zwei Männer, die Rettungsringe bei sich trugen.
An mehreren Stellen stieg Rauch auf und breitete sich über den Köpfen der Menschen aus. Der Geruch von verbrannter Kohle lag in der Luft, die den Hals austrocknete. An kleinen Feuerstellen wärmte man sich notdürftig. Einige verkauften heiße Getränke oder Ohrenschützer. Der steife Südostwind sorgte für schneidende Kälte.
Drei Männer mit Äxten schlugen Löcher in das Eis. Ein vierter verstaute Sprengkapseln darin. Ein warnender Hornruf übertönte den Lärm, den die vielen Menschen machten. Mit großen Schritten sprangen die Männer aus der Gefahrenzone. Im nächsten Augenblick folgte ein Donnerschlag und versetzte die Uferpromenade in Vibrationen. Rote Warnflaggen wurden eingezogen. Die Sprengkolonne zog weiter. Seit mehreren Tagen stieg die Temperatur in der Mittagssonne bis knapp unter den Gefrierpunkt. In den Wochen zuvor war das Thermometer auch tagsüber kaum auf fünfzehn Grad unter Null gestiegen. Die Sprengungen näherten sich dem Ende. Eine Rinne war bis unmittelbar vor die Schiffe gesprengt worden, die in der Mitte des Flusses feststeckten.

Lachend cremte Justine Alexanders Lippen mit Leodor ein und steckte die Dose wieder in ihre Handtasche. Plötzlich blieb sie für ein paar Sekunden wie angewurzelt stehen. Unvermittelt stand Alexanders Arbeitskollege Teinert neben den beiden. Justine sagte: »Ich gehe noch weiter zur Fasaneninsel.«
Alexander warf ihr einen Kuss zu. Sie küsste zurück, und sogleich war sie in der Menschenmenge verschwunden.



Das Palais

(...)

»Klaustorff«, stellte sich der Mann vor. Seine Handfläche war mit einem hellgrauen Film überzogen. Die Hände schienen den Schmutz von dem Lumpen aufgenommen zu haben. Irritiert verweigerte Alexander den Handschlag.
»Du bist nicht gewöhnt anzupacken, oder?«, fügte Klaustorff hinzu. Endlich legte er den Lappen auf der geschlossenen Hälfte der Kühlerhaube des Wagens ab.
»Ich verstehe davon nicht viel«, antwortete Alexander.
»Du bist bestimmt Alexander Kilian. Justine hat dich beschrieben, wie aus dem Gedächtnis gezeichnet. Darin war sie einzigartig. Ich habe schon längst damit gerechnet, dass du vorbeischaust.«
»Sie haben sie also gekannt«, sagte Alexander.«
»Gekannt, dass ich nicht lache. Wir haben jeden Tag zusammen gearbeitet. Sag einfach Thorben zu mir.«
»Sie kam doch gar nicht jeden Tag hierher.«
»Ich habe gelogen. Fast jeden Tag. Dreimal pro Woche, wenn ich mich entsinne. Sie hat ja nicht hier gewohnt.«
»Dann können ... dann kannst du mir sicher ein bisschen was über ihren letzten Tag erzählen.«
»Als sie verschwand, war sie doch bei dir«, sagte Klaustorff, und es klang in Alexanders Ohren wie ein Vorwurf.
»Es war bitter kalt. Ich hatte gerade Kühlwasser aufgefüllt. Dann habe ich den Wagen eine halbe Stunde im Schuppen laufen lassen. Der Herr Baron hatte angekündigt, dass er zu einer Matinee fahren möchte. Er interessiert sich doch nicht dafür, ob wir frieren oder nicht. Kein Mensch geht aus dem Haus bei dieser Hundskälte.«
»Wohin hast du ihn gefahren?«
»Darüber darf ich nicht reden.«
»Ich muss es aber wissen. Sie ist meine Frau. Und sie ist nicht mehr hier. Jeder tut, als wüsste er, wohin sie verschwunden ist«, beschwerte sich Alexander.
»Wohin ich gefahren bin, hat mit deiner Justine nichts zu tun. Es war eine Sache vom alten Meffen-stein.«
»Dann sollte ich mit ihm sprechen.«
»Er ist nicht da, und genauso wenig seine Frau«, sagte der Chauffeur, »und sie werden nicht vor dem Abend zurück sein. Sie mögen keinen Besuch. Vielleicht machen sie für dich eine Ausnahme. Aber verlasse dich nicht darauf.«
»Gibt es hier noch andere Bedienstete. Vielleicht kann ich auch mit der Köchin sprechen.«
Thorben nahm den Lappen wieder in die Hand und wandte sich dem Wagen zu. Er griff auf der geöffneten Seite der Kühlerhaube in den Motor und wischte an den Rohren herum.
»Den Lumpen stellen die Herrschaften«, sagte Thor¬ben, während dessen seine Miene sich verfinsterte. »Hat sie dir jemals Kleider mitgebracht?«
Alexander verstand die plötzliche Wendung in Thor¬bens Laune nicht. Er schüttelte den Kopf.
»Weißt du weshalb?«, bohrte Thorben nach.
Alexander schaute Thorben fragend an.
»Natürlich nicht«, sagte der. »Aber vielleicht fragst du bei Gelegenheit auch mal da drin nach, wenn sie dich reinlassen.« Bei diesen Worten holte er mit dem rechten Arm aus und richtete seine geballte Faust in Richtung des Herrenhauses. Dann ging er zum Holztor des Schuppens und öffnete den anderen Flügel. Ein schwarzer Wagen kam zum Vorschein, der schon einige Jahre alt war. Thorben öffnete die Motorhaube und drehte an einer Schraube herum. Dann ging er vor den Wagen und steckte die Anlasserkurbel an.
Alexander schaute fasziniert zu. Der alte Wagen begann zu tuckern und gab hustende Laute von sich. Eine dunkle Wolke quoll aus der Auspuffanlage heraus und sammelte sich in dem engen Schuppen. Thorben stieg in den Wagen, der dann leicht vorwärts hopste. Der Chauffeur brachte das Fahrzeug neben Alexander zum Stehen.
»Die neuen Wagen haben eine elektrische Anlassvorrichtung. Schon seit einem Jahrzehnt gibt es sie.«
Alexander schaute in Thorbens Gesicht, das etwa auf gleicher Höhe zu ihm war.
»Komm«, schrie Thorben gegen den Lärm der Ma-schine an. »Steig ein.«
Alexander öffnete die Wagentür und stieg in den Fond ein.
»Nicht da hinten«, schrie Thorben. »Hierhin.« Seine kräftige Stimme hatte kaum Mühe, das Motorgeräusch zu übertönen.
Alexander stieg wieder aus und schloss die Tür. Er lief um das Heck herum und setzte sich neben den Fahrer, während sich der Wagen langsam in Bewegung setzte. Als Thorben plötzlich die Geschwindigkeit erhöhte, wurde Alexander in den schwarzen Ledersitz geworfen.
Der Wagen fuhr mit lautem Motor auf die Hauptstraße. Alexander hörte, wie die Reifen des Wagens auf den Pflastersteinen griffen.

(...)

 

Theater

(...)

Eine Frau öffnete die Tür. Sie trug ein Kleid, das ihre Schultern frei ließ. Als Alexander zu sprechen begann, wollte die Frau sofort wieder die Tür schließen. Geistesgegenwärtig stellte Alexander seinen Fuß auf die Schwelle und hielt so die Tür auf.
»Jetzt lasse ich mich nicht abwimmeln«, rief er. »Ich suche jemanden, und ich wurde an Sie verwiesen.«
»Verschwinden Sie«, echauffierte sich die Frau. »Können Sie nicht lesen?«
Die Frau stemmte sich mit voller Kraft von innen gegen die Tür.
»Lesen Sie dieses Schild«, sagte sie und fügte hinzu: »Lesen Sie laut vor, was auf dem Schild steht.«
»Auf dem Schild steht, Betteln und Hausieren verboten«, las Alexander.
»Also verschwinden Sie, sonst werde ich Sie bei der Polizei anzeigen.«
Im Obergeschoss stand ein Fenster offen. Ein Mann sah daraus auf Alexander herab.
»Nein, nein.« Alexander wurde jetzt richtig ärgerlich. »Ich möchte meine Frau sprechen.«
Offenbar zeigte der Satz Wirkung.
»Wen suchen Sie?« fragte die Frau ungläubig. Immer noch stand sie in der halb geöffneten Tür.
Alexander zeigte ihr die Zeichnung, auf der Justine zu sehen war.
»Das Gesicht habe ich noch nie gesehen. Die arbeitet hier nicht.«
Dann zeigte er der Frau die Werbeanzeige aus dem Programmheft.
»Ach so. Diese Kampagne meinen Sie.« Sie schüttelte lachend den Kopf.
»Nein. Natürlich kenne ich die Leute auf den Fotografien nicht. Sie gehören nicht zu uns.«
Sie hob die Augenbrauen und sah Alexander an. Inzwischen war der Mann hinzugekommen, der das Gespräch aus dem Fenster heraus verfolgt hatte.
»Macht dieser Kerl Ärger?«, fragte er und sah dabei Alexander an.
»Nein, nein«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Der ist harmlos.«
Der junge Mann übernahm das Wort.
»Wir arbeiten mit Fotografen zusammen«, erklärte er. »Die bieten uns dann verschiedene Bilder an. Wir suchen mehrere Bilder aus und zeigen sie unserem Auftraggeber.«
»Also hier jetzt der Seifenfabrik«, verstand Alexander.
»Genau. Und die Seifenfabrik hat dann entschieden, dass sie dieses Bild auf dem Programmheft des Theaters haben möchte.«
»Also kennen Sie diese Frau gar nicht.«
»Die Modelle kennen wir natürlich nicht. Und ehrlich gesagt, sie sind uns auch gleichgültig.«
»Aber Sie wissen doch sicher, wie ich sie finden kann«, fragte Alexander ungläubig.
»Wenn hier jeder reinspazieren würde, weil ihm eine Frau auf einem Foto gefällt, dann könnten wir eine Agentur für Begegnungen eröffnen«, sagte der Mann und lächelte. Die Frau, die Alexander die Tür geöffnet hatte, stand immer noch an der Tür. Zögerlich sah sie noch einmal auf das Bild, das Alexander vor seine Brust hielt.
»Zeigen Sie noch mal her. Ich erinnere mich an diese Kampagne. Warten Sie hier.«
Mit diesen Worten verschwanden beide im Haus. Ein paar Wolken waren am Himmel aufgezogen, ohne jedoch die Sonne zu verdecken. Es dauerte einige Minuten, bis die Frau wieder in der Tür erschien.
»Versuchen Sie es in den Ausstellungshallen am Funkturm. Gehen Sie in Halle Nummer 1.«
»Und was ist dort in Halle 1?«
»Die Agentur des Fotografen hat dort einen Stand.«
Alexander drehte sich um und stapfte durch den matschigen Rest einer Pfütze.
»Hier habe ich eine Karte des Fotografen für Sie«, rief die Frau und rannte ihm hinterher.
»Sie finden ihn an Stand 31.1.A.«

(...)

© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de