Frank Barsch: Und da ist immer noch Weite

Frank Barsch
Und da ist immer noch Weite

Reisen

 

 

 

Inhalt

Und da ist immer noch Weite......................... 7
Kleine Flüsse im Herbst

Von der Flasche lacht Tjil............................ 27
Reise in die Geschichte

Amore mio.................................................... 57
Ein paar Splitter, ein paar Jahre, etwas Kunst

Tour d’Aller.................................................. 75
Alles, was wir sehen

Back in the USSR........................................ 107
Lied eines Sommers

An die Freunde............................................ 141
Der Strand von den Bildern

 

 

 

Und da ist immer noch Weite

Kleine Flüsse im Herbst

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen …

Eduard Mörike

 

Vorspiel mit etwas Theater

Am Tag vor der Abreise platzt mir im Auge ein Äderchen. Ich sähe aus wie ein Zombie, sagt sie. Und das nur wegen der Post.

Ich habe einen Rechtsstreit begonnen und nun liegt die Vorladung zum Prozess im Briefkasten. Ich klage und rege mich darüber so auf, dass in mir etwas platzt. Es geht um Geld, eine gebrochene Rippe und meine Ehre. Also zu einem großen Teil um etwas Eingebildetes. Ganz nebenbei: Die gegenwärtige Renaissance der Ehre bereitet mir Unbehagen. Aber was heißt das für mich? Einerseits zu wissen, dass die Ehre, wie Minna von Barnhelm sagt, nicht mehr ist als die Ehre, und andererseits für ihre Wiederherstellung zu streiten?

In ein paar Monaten werde ich es genauer wissen. Eins ahne ich schon jetzt, es ist oft besser für einen selbst, von der Tragödie in die Komödie zu wechseln.

Die Bahn überrascht uns mit einer Vielzahl von Sparangeboten. Wir wählen das Schöne Wochenende und zwei Karten für unsere Fahrräder. Das heißt, fünfzig Euro für viereinhalb Stunden mit dem Regional Express von Heidelberg durch das kurvige Hessen bis Hofgeismar-Hümme.

In unserem Wagen unterhält sich eine Gruppe Grauhaariger über die neuesten Apps und dann über die Zeit, als man sich in der DDR an Fernsprechern anrufen lassen konnte. Und R-Gespräche, erinnert ihr euch? Ich erinnere mich: Wir gingen zum Telefonieren zur Oma. Der erste Fernseher stand in der Kneipe gegenüber.

Dann erreichen wir Kassel, die glänzende Documenta-Stadt mit ihren vielen großen Schatten. Auf dem Bahnhof werden wir von Polizisten empfangen. Sie schauen wenig interessiert an uns vorbei. Einer der Beamte, ein schmächtiger älterer Polizist, pickt eine Schwarze aus den Ankommenden heraus und verlangt ihren Ausweis. Sie empört sich in perfektem Deutsch. Warum nur fremdartig aussehende Menschen nach dem Ausweis gefragt würden, warum immer sie?

Wir bleiben stehen. Ausweis, sagt sie, und hält einen Moment inne, das sei in diesem Zusammenhang ein seltsames Wort.

Im Backshop kaufe ich eine XXL Brezel. Andere gibt es nicht. Ich habe nur einen Fünfzig-Euro-Schein. Aber den kann die Verkäuferin nicht wechseln. Ein Kunde meint, er könne das machen und zieht aus seiner Jackentasche einen Briefumschlag mit einem dicken Bündel großer und kleiner Geldscheine. Die Frau mischt sich ein: Geben Sie mir fünf, ich gebe ihm vier und Sie ihm den Rest. Im nächsten Moment halte ich einen Haufen kleiner Scheine und auch Münzen in der Hand und weil ich nicht misstrauisch wirken will, stecke ich sie, ohne nachzuzählen, ins Portemonnaie. Schon als ich den Laden verlasse, fühle ich mich betrogen. War das ein Wechseltrick? Während ich zum Bahnsteig gehe, schaue ich nach: Vierundfünfzig!

Das letzte Stück fahren wir mit einer Regiotram. Hinter Kassel beginnt sofort die Landschaft. Hümme liegt in der Kurve einer Bahnlinie am nördlichen Rand Hessens. Hier muss jetzt irgendwo der Anfang von unserem Radweg sein.

Die Sonne scheint. Es ist windig und warm, kühl und schwül, einzelne Wolken im Blau. Der September kann ein Betrüger sein mit seinem harmlos wirkenden Nachmittagssommer. Aber wir kennen den Wetterbericht. Genau hier sollen heute die Ausläufer eines Atlantiktiefs und ein Hoch über Südeuropa dramatisch aufeinandertreffen.

Wir rollen den kleinen mäandernden Fluss entlang: Der blaue Himmel unverstellt, herbstkräftig die gedämpfte Welt. Eine großzügige Gegend mit geheimnisvollen Kurven. Die Sonne schneidet scharfe Schatten aus der Landschaft heraus. Ein Licht wie im April. Hier und da eine Wassermühle. Im großen Bogen um die Trendelburg herum. Der Weg führt über einen ehemaligen Bahndamm. Ab und zu kommt uns ein Radfahrer entgegen.

Und dann, wie aus dem Nichts, ein Schauer, ein kleiner Sturm. Der Regen saust waagerecht durch die Luft. Wir finden im Windschatten von ein paar Bäumen Schutz. Das ist er also, der kalte über das Land jagende Tiefausläufer. Die Pferde auf den Weiden lassen den kalten Regen gleichgültig über sich ergehen.

Wer denkt schon beim Anblick der schmalen Diemel ans Meer? Doch, dieses silbrige Band hat etwas von der ganz großen Weite. Einen Hauch. Und diese Weite stellt sich beim Schreiben wieder ein. Zusammen mit einer Ruhe, die fast schon zur Stille tendiert. Eine beruhigende, den ganzen Körper erfassende Stille. Dass Schreiben so sein kann. Dass man im Schreiben in einer Landschaft sein kann, mit Sonne und Wolken. Wolken, die ihre Schatten über die Felder ziehen. Im Spiel mit diesen Wörtern ist Weite: ein Fluss, der Himmel, das Blau, das Grün, die Provinz im Lauf der Zeit. Keine Idylle. Eine Landschaft aus Sprache.

Bad Karlshafen, eine Stadt in weiß. Der Ort leuchtet inmitten des satten dunklen Grüns, das an seinen Rändern die Hügel hinauf strebt. Am Hafen setzten wir uns vor ein Café aus den sechziger Jahren. Die Chefin hat das Renteneintrittsalter längst überschritten. Zwei Kaffee, sage ich. Pott? fragt sie. Ja, sage ich. Alles klar, antwortet sie. Der Kuchen, den sie bringt, schmeckt, als hätte sie ihn selber gebacken.

 

Essen, schauen und die Zeit vergehen lassen. Auf dem Klo hängt der Griff für die Spülung an einer Kette vom Wasserkasten herunter. Früher, der eine oder die andere wird sich erinnern, wurde »gezogen«, wo heute gedrückt wird.

(...)

 

 

 

Von der Flasche lacht Tjil

Reise in die Geschichte

»Begräbt man Ulenspiegel, den Geist, und Nele, das Herz der Mutter Flandern? Auch sie kann schlafen; doch sterben, nein! Komm, Nele.« Und er zog mit ihr von dannen und sang sein sechstes Lied; doch wo er das letzte gesungen, weiß keiner.

Charles De Coster: Ulenspiegel

 

Über die Grenze

Im Fahrradwagen des Zuges treffen wir eine Belgierin. Sie war mit dem Rad in den Alpen. Die Landschaft in Belgien soll schön sein, sagen wir. Sie schaut überrascht und antwortet mit einem sympathisch weichen, fast lustigen Akzent: Ja, unsere Städte sind schön.

Im Zug ist es angenehm kühl. Draußen erwarten uns dreißig Grad. Warum suchen wir uns zum Verreisen immer die heißesten Tage aus? Oder gibt es jetzt einfach mehr heiße Tage?

Die größte Herausforderung bei Bahnreisen mit bepackten Rädern ist das Umsteigen. Und der Weg nach Belgien ist durch einige Richtungswechsel geprägt. Heidelberg, Mannheim, Köln, Düsseldorf. Ankunft Gleis neun, Abfahrt Gleis elf. Räder und Gepäck aus dem Zug, nach unten, durch die Unterführung und dann nach oben. Kurz vor der Einfahrt eine Lautsprecherdurchsage: ... heute nicht von Gleis elf. Der Rest unverständlich. Wir laufen den schimpfenden Leuten hinterher. Am Aufzug eine Schlange. Also die Räder über die Treppe nach unten, durch die Unterführung, und wieder über die Treppe nach oben. Ist der Fahrradwagen jetzt am Anfang oder am Ende des Zuges? Egal, Hauptsache drin! Langweilig ist Bahnfahren nicht.

In Mönchengladbach hören wir, dass es morgen noch heißer werden soll.

Grenze. Immer wieder erstaunlich: Irgendwer hat hier irgendwann eine Linie gezogen und nachdem wir sie überschritten haben, sprechen die Leute eine andere Sprache. In Venlo wartet der Regionalzug nach Roermond. Von dort geht es weiter im IC. Fahrradmitnahme kein Problem. Aber ohne Klimaanlage. Wir sind erschöpft und verschwitzt.

Maastricht, die Stadt der Kriterien. Wenn sich Deutschland für eine Fahrradnation hält, was sind dann die Niederlande? Das Fahrradparadies? Eine wahr gewordene Utopie? So entspannt kann Stadt also sein. Hier Mittelalter und dort Moderne, dazwischen ganze Brücken exklusiv für Radfahrer und Fußgänger. Bewegungsfreiheit. Also Freiheit. Wenn man den Verkehr aber vom Auto her denkt, müssen die restlichen Verkehrsteilnehmer mit dem klarkommen, was übrig bleibt. Klingt nach einem Ungleichheitsregime.

Das ist also die niederländische Erzählung. Wenn man sich so umschaut, könnte man meinen, das sei eine lockere Geschichte. Ein Genrebild aus Frieden und Wohlstand, fast südländisch an diesem Spätsommerabend, warm, mild, das Licht schmeichelt der Stadt, die Menschen wirken entspannt.

 

Subventionen und Zinsen

Nach Maastricht gleich wieder eine Grenze. Eben noch Niederländisch, jetzt Französisch. Hier, in diesem westlichen Randbezirk von Belgien scheinen die Immobilienpreise im Vergleich zu den Niederlanden sehr viel niedriger zu sein. Wir rollen an einem Bach entlang. Ein paar Bunker und ein gigantischer Parkplatz.

Ein paar Kilometer weiter hören wir das erste Mal Flämisch. Drei Sprachen an einem Tag, was für eine Irritation. Es ist schwül. Landwirtschaft, wohin man schaut. Eine brennende Sonne in einem milchigen Himmel. Mais, Kartoffeln, Zwiebeln, Rüben und Birnen. Ab und zu Erntehelfer, die sich in einer slawischen Sprache etwas zurufen. Ernte und Helfer, eine seltsame Komposition. Genau betrachtet versteckt sich dahinter eine Diskriminierung.

Mais und Birnen, Birnen und Mais. Die älteste Stadt Belgiens: Tongeren. Hier die römische Stadtmauer, dort der Grote Markt mit dem Helden Ambiorix. Überlebensgroß, ein Schwert an der Seite und eine Axt in der Hand schaut er auf eine Kirchenfassade, über der Flugzeuge den Himmel mit Kondensstreifen schraffieren. Was geht wohl in dem schnurrbärtigen Bronzekopf unter dem Flügelhelm vor?

36 Grad. Ihr Fahrrad macht plötzlich ein Geräusch. Das Pedallager. Wir versuchen es erst mal mit Öl.

Um die kleinen Orte herum scheint jemand wie beim Monopoly großzügig neue Häuser verteilt zu haben. Und er oder sie hat auf die breite Einfahrt vor die Doppelgarage als Bonus gleich noch einen schönen Mittelklassewagen gestellt. Es riecht nach Subventionen und niedrigen Zinsen. Aber was kommt, wenn alle Häuser gebaut und alle Autos gekauft sind? Too much to fail? Oder: Too hot to drive?

Mais, Birnen und weiße Rinder, die als lebendige Fleischberge auf den Wiesen stehen. Stundenlang fahren wir durch Birnenplantagen. So weit das Auge reicht Reihen aus kleinen Bäumen. Alle Bäume und alle Birnen sind gleich. Und es herrscht Stille, absolute Stille. Nicht das leiseste Summen eines Insekts.

Sint-Truiden. Die Zufahrtsstraße ist aufgerissen. Auch das Zentrum ist eine Baustelle. Das mit den großen Autos scheint in Belgien noch krasser zu sein als in Deutschland. Wir bezwingen das Chaos und versuchen im Umleitungslabyrinth unsere Richtung zu finden. Hitze, Erschöpfung und Orientierung, immer wieder das gleiche Spiel. Geschafft, da ist Wilderen! Wir übernachten in einem stillgelegten Bahnhof. Am Abend im Restaurant, kein Gericht ohne Fleisch. Die Leute sehr freundlich und locker.

(...)

 

 

 

 

Back in the USSR

Lied eines Sommers

The wind is in from Africa
Last night I couldn't sleep


Joni Mitchell

 

Ein Ausflug vor der reise

Ein spontaner Anruf von Groundhopper Jonnie reißt mich aus meiner Routine. Wir verabreden uns in Dreieich auf dem Bahnhof.

Dreieich ist neu in der vierten Liga und spielt gegen Balingen, auch ein Aufsteiger. Über einen staubigen Feldweg nähern wir uns der Arena. Mit dem Auto dürfen hier nur wichtige Leute fahren. Ihr Ziel: der Vip-Parkplatz. Darüber auf einem grünen Hügel die Vip-Lounge mit Glasfront und Blick auf das Spielfeld. Fast wie in der richtigen Liga, mit ihren Logen, in der die richtig Reichen verkehren. Fußball, sagt man, sei ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.

Hat das, frage ich Jonnie, und deute mit einer Kopfbewegung auf die Anlage, noch etwas mit einem Spiel zu tun. Er winkt ab, im Gesicht ein leichter Anflug von Enttäuschung.

Der Platz ist nagelneu, mit einem nagelneuen zwei Meter hohen Gitterzaun drum herum. Jonnie zahlt 66 Euro für drei Personen. Das geht selbst ihm etwas zu weit. Nach dem Sicherheitscheck schlendern wir über einen Alptraum aus frischem Verbundsteinpflaster, an einem blau blendenden Tartanplatz und einer knallbunten Hüpfburg vorbei. Kein Baum, kein Schatten. In der prallen Sonne vier Buden: eine für Bier, eine für Pommes, eine für Würstchen und eine für die anderen Getränke. Ein Ort, an dem sich etwas manifestiert. Irgendwer scheint drauf zu hoffen, dass diese Organisation ihr Ziel in sich selbst hat, und die darin liegende Kraft zwangsläufig zur Vollendung dessen führt, was hier organisiert wird. Man spürt gleichzeitig die Dominanz einer Idee und die Abwesenheit aller anderen Ideen.

In der seltsamen Wärme unter einem weißen Kunststoffbaldachin hören wir die Fetzen eines Gesprächs. Wenn die Mannschaft am Ende der Saison nicht erfolgreich sei, habe der Sponsor gesagt, dann tausche er zehn Spieler aus. Es wird getan, was getan werden muss. Aber wer, frage ich mich, tauscht den Sponsor aus, wenn alle Spieler ausgetauscht, verkauft und neue eingekauft sind und der Erfolg trotzdem ausbleibt?

Die Sonne brennt gnadenlos auf uns und auf die Fußballkulisse herab. Jungunternehmer und Jungfunktionäre üben für ihren Auftritt in höheren Ligen. Alle Akteure, das muss man ihnen lassen, sind bestens frisiert.

So wie die ganze Anlage ist auch das Spielfeld umzäunt. Die Spieler sind ein- und wir ausgesperrt. Optisch wird das Spiel durch senkrechte Pfosten und die Rechtecke des Zauns strukturiert. Was hat das zu bedeuten? Die Dreieicher Fans lassen das Spiel emotionslos an sich vorbeilaufen. Oder sollte man sagen: das Produkt? Alles aalglatt, auf einem guten Niveau. Nur das dreckige Dutzend Balinger Fans ist in Stimmung. Sie trommeln und grölen: Trinkpause, Trinkpause ... Auswärtssieg! Und: Ohne uns wär hier gar nichts los! Das kommt der Wahrheit sehr nahe.

Ergebnis: ein müdes Einszueins.

Nach dem Spiel folgt eine Direktübertragung der Pressekonferenz aus dem vereinseigenen Pressezentrum auf die Platzmonitore. Wir gehen, schläfrig vor Hitze und Langeweile. Auf unserer Seite des Zauns stehen die Spielerfrauen, auf dem Arm ihre Kinder, die ihre kleinen Hände durch das Gitter des Zauns strecken und die Väter halten ihnen von innen ihre Finger hin.

Was würde passieren, wenn plötzlich nichts mehr von diesem Sport zu hören und zu sehen wäre? Kein Aufstieg und kein Abstieg, keine Trainerentlassungen, keine Saisonziele, kein Platz in der Startelf, keine Ablösesumme, keine Pokalspiele, keine Spielerinterviews, kein Torschützenkönig?

 

Ein Ziel in sich selbst

Auf den Titelseiten der Zeitungen brennende Wälder. Wissenschaftler warnen und warnen. Ist Literatur kompostierbar, frage ich mich. Warum überhaupt schreiben in so einer Situation? Und was? Für wen?

Wie man sich auf Regen freuen kann.

Mitte August ist der Sommer noch groß. Doch langsam wird sein Gleißen zu einem Glänzen. Die Farben sind plötzlich weich, eine Mischung aus Kitsch und Entspannung. Das Jahr hat seine Pflicht erfüllt.

Ich sage zu ihr, ich würde gern mal nach Russland. Da klingelt das Telefon und jemand fragt, ob ich ein paar Tage nach Uljanowsk fahren wolle, das sei an der Wolga, Deutsche Tage.

Wahrscheinlich werden wir abgehört. Aber von wem?

Jeden Tag scheint die Temperatur noch etwas zu steigen. Der Sommer legt einen gewaltigen Endspurt hin. Die Dachdecker auf dem Haus gegenüber sprechen Polnisch. An der Straßenecke stimmen die braungebrannten Gehweggestalter ihr Instrument: den Steinschneider. Das Stück, das sie spielen, heißt »Verbundpflaster«. Steine aus Beton in jeder denkbaren Form, meistens grau.

Das Schneiden hat zwei Geräuschkomponenten, das tiefere, wahnsinnige Schneiden von Metall durch Beton, und das Nachlaufen des Sägeblatts, das höher ist, leiser, einen Moment fast melodisch, sich dann aber zynisch in eine irrsinnig schmerzhafte Höhe schraubt.

Beton ist das Wort der Epoche. So, wie der Sand dafür zur Neige geht, geht auch diese Epoche zu Ende.

Der Sound dieses Sommers ist der von Vollbeschäftigung, überquellenden Steuereinnahmen und Wachstum. Beton und Energie. Vielleicht verbirgt sich eine Absicht dahinter, eine perfide Verschwörung: Die Steinschneidemaschine und das Verbundpflaster fräsen sich als Norm in die Gedanken, zerschneiden Gedanken, formieren Gedanken und begraben alle anderen Lösungen

(...)

 

 

 

 

An die Freunde

Der Strand von den Bildern

 

Abwärts am Rhein

Unser Urlaub beginnt mit einem Regentag. Die Bahnstrecke über Mainz nach Düsseldorf ist trotzdem eine Reise wert. So ursprünglich, immer am Fluss entlang. Schade nur, dass wir rückwärts fahren.

Es wäre interessant, denke ich, wenn ich etwas schreiben würde, was nur ich schreiben kann. Aber ist das überhaupt möglich?

Der Rhein, der Wein, die Burgen. Aus dem fahrenden Zug betrachtet, sehen die Orte etwas abgenutzt aus, so eingeklemmt zwischen Fluss, Straße und Bahnlinie. Vielleicht hat das aber auch mit der Vorliebe für Schiefer zu tun und diesen nachdunkelnden Steinen. Oder dem Wetter.

Auf dem Rhein immer wieder Schiffe mit niederländischen Namen. Rotterdam lässt grüßen. Nach der großen Trockenheit zeigt der Fluss seine Strände und Riffe. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ... Koblenz ist eine Verschlingung von Straßen und Brücken. Im Großraumwagen sind nur Alleinreisende, in gleichmäßigem Abstand auf die Sitze verteilt. Bad Godesberg ist so, wie man sich Bad Godesberg vorstellt. Villen fliegen vorbei. Bonn, sagte neulich eine Kapitänin, die im Mittelmeer Flüchtlinge gerettet hat, und nun dafür von der italienischen Justiz mit fünfzehn Jahren Haft bedroht wird, Bonn, sagte sie, sei die langweiligste Stadt der Welt.

InDüsseldorfbleibtdiesmaldasUmsteigedramaaus.PlötzlichsindwirimAusland,ineineranderenKulisse.Roermond,Regengrau,dieStimmunghängtschief.OderhabenwirzuwenigZuckerimBlut?ErstmalKaffeeundKuchen,WaffelnmitKirschenundeinemBergSchlagsahneobendrauf.DashebtdieLaune.JetztkönnenwirdievorbeirollendenHolländergenießen.OdersolltemanNiederländersagen?Daskriegenwirspäter.AufjedenFallgibtesvieleArten,dasHollandradzufahren.InDeutschlandkannmansoeinModelleinemTeenagerwohlkaumzumuten,hierbenutzenesalleAltersgruppen,mallässig,mallocker,bestimmt,aufgestützt,sportlich,telefonierend,miteinerZigaretteimMund.

Unser Hotel De zwarte Ruiter liegt an einer viel befahrenen Straße. Im Treppenhaus haben Handwerker ihr Werkzeug verteilt. Durch die alten Bleiglasfenster schauen wir auf die Roer, eine alte Steinbrücke, mit Blumen geschmückt, von Möwen umschwebt. Die Sonne kommt durch. Aus dem Nebenzimmer meldet sich eine Schlagbohrmaschine. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Neue Löcher für die größeren Bildschirme. Draußen hinter unserem Fenster die Niederländer, in kurzen Hosen und mit mehr Mut zur Farbe als die Leute jenseits der Grenze. Was doch ein paar Kilometer ausmachen. Und immer wieder Fahrräder im Bild: geparkt, gefahren, geschoben.

Im Bad ein extrem sympathisches Licht, das sich auf die Erscheinung im Spiegel auswirkt. Das ist Wellness für die Seele. An der Wand gegenüber vom Bett, wo ein hundertzwanzig Zentimeter breiter Monitor hängt, sieht man noch eine alte Schraube und dunkle Ränder, wahrscheinlich von einem Bild. Durch das lockere Gerede der Handwerker im Flur fühlen wir uns, als gehörten wir hier schon dazu.

Sie liegt entspannt auf dem Bett. Ein Summen. Mit dem Smartphone haben wir auch das Büro im Urlaub dabei. Komm, lass uns gehen, es ist noch nicht spät, wir erkunden die Stadt, den Marktplatz, den Fluss und die Brücken.

Neben dem alten Roermond, das wissen wir schon, gibt es ein riesiges Designer Outlet. Das müssen wir sehen. Nach einer halben Stunde haben wir uns in der künstlichen Kleinstadt hoffnungslos verlaufen. Weil wir gar nicht mehr wissen, aus welcher Richtung wir gekommen sind, stellt sich leichte Panik ein. So könnte ein Schauermärchen beginnen. Wir machen Pause. Orientieren! Die Sitzbänke sind so ausgerichtet, dass man immer in ein Schaufenster schaut. Seit langem habe ich nicht mehr so viele glückliche Menschen gesehen. Die globale Mittelschicht im Schnäppchenrausch. Ist Kaufen eine Droge? Wo gehen wir hin? Ohne sorge, sei ohne sorge wenn es dunkel und wenn es kalt wird sei ohne sorge aber mit Musik ....

Als wir in der Dämmerung durch die Stadt schlendern, gesteht sie mir, dass sie sich gewundert habe, dass es hier so viele Einrichtungsgeschäfte gebe und dass da manchmal auf eine groteske Art Leute drin sitzen. Bis ihr aufgegangen sei, dass viele Niederländer keine Vorhänge haben.

Wir nehmen noch ein Bierchen in der altmodischen Bar des Hotels.

Bildschirm und Fernbedienung. Wir haben die Wahl: Krimi oder Herzkino im Breitwandformat. Im Krimi taucht man in eine aufregende Welt ein, die sich plötzlich hinter den Kulissen des Alltags auftut, eine Welt aus Lüge und Schuld. Das sei die Wahrheit, sagen die Krimiautoren. Wenn es so richtig schlimm wird, sagt jemand: Schau mich an, los, schau mich an! Das ist der oder die, die meint zu wissen, wo es langgeht, oder jemand, der Macht über jemand anderen ausüben will. Auch in den Liebesfilmen rutscht der Alltag irgendwie weg. Hier drängt sich die Liebe zwischen die hochfliegenden Pläne, banalen Routinen und verhängnisvollen Selbstverleugnungen. Denn die Liebe ist die größte aller Wahrheiten. Schau mich an!

 

Stadt, Land, Fluss

Am Morgen Nebel. In unserem Hotel ist vieles alt und nur hier und da etwas neu. Noch lässt das Urlaubsgefühl auf sich warten. Entspannung funktioniert nicht per Knopfdruck oder Grenzübertritt. Beim Frühstück denke ich an ein Gespräch aus den letzten Tagen: Die 68er und ihre Werte seien zu einer kulturellen Hegemonie geworden, in der Identitäten konstruiert und ihre Bedeutungen festgelegt würden.

(...)

 

© 2010 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de